Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Brief an einen Mißtrauischen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 419 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 419 Brief an einen Mißtrauischen Palästina, im Mai 1917 Lieber Freund! Du teilst mir in Deinem letzten Briefe Deine Bedenken über meine Anschauungen mit und gibst mir gute Ratschläge. Ich nehme sie gern an, soweit sie allgemeiner Natur sind; wo sie aber bestimmte Dinge behandeln, will ich sie doch ablehnen, denn ich glaube, über eine so große Entfernung hin ist es schwer zu raten, sonderlich, wenn es sich um ein Land handelt, über das man, vielleicht einige seiner geographischen und ethnographischen Zufälligkeiten ausgenommen, nichts in Europa weiß, und das, wie sicherlich kein Land der Welt, so auf Imponderabilien und Paradoxen beruht, wie dieses Palästina. Meine europäischen Instinkte waren nie fest genug, um nicht schnell ins Wanken zu kommen. Ich habe in den Jahren, da ich denken konnte, genug unter der europäischen Kultur gelitten und lange genug habe ich versucht, mir eine Weltanschauung zu bilden, die nicht von andern Leuten abgelegt wurde. Es war ein gesundes Zeichen, daß ich seinerzeit zum Sozialismus gekommen bin, und ebenso gesund war es, als ich ihm entwuchs, da ich mir sagte, daß er für Europa wohl seine Berechtigung habe, ich aber, nachdem ich einmal an Europa alles Interesse verloren, mir eine neue Basis suchen müsse. Ähnlich wie Rousseau in seiner Rückkehr zur Natur, fand ich das Beste in einer Rückkehr zum geistigen Asiatismus, der in der Reininkarnation des Buddhismus, der Tao-Lehre und schließlich im Judentum liegt. Dies alles sagte ich mir, als ich noch in Europa war, und als ich hierher gekommen war, fand ich unerhörte Bestätigungen. Hier ist ein Land, das ungeheure Entwicklungsmöglichkeiten bietet, von denen man in Europa nicht die geringste Ahnung hat. Eine neue zähe und starke Gesellschaft kommt hier hoch, die gleich den einstigen Pionieren Amerikas das Land in die Hand nimmt. Ich spreche hier von den jüdischen Kolonisten, die Werte und eine beginnende Kultur neuer Art geschaffen haben, welche zum Prächtigsten gehören, das man sich vorstellen kann. Sage ja nicht, daß ich einen engen Gesichtskreis habe oder vielleicht gar den Einflüssen des Augenblicks unterliege. Auch hier fand ich Gelegenheit zur Kritik nnd hielt mit ihr keineswegs zurück, aber es ist so viel hier, das zum Erhabenen im Kantschen Sinne gerechnet werden kann, daß sich jeder, der es miterlebt hat und der auf einer gewissen geistigen Stufe steht und gewisse Erfahrungen hinter sich hat, sagen muß, daß es besser ist, ein fröhlicher Asiate zu sein, als ein verbitterter Europäer. Und Du kannst sagen, was Du willst: der Jude ist unbedingt Asiate, wenn ihm auch einige Jahrhunderte eine Tünche gegeben haben, die ihn äußerlich gewissermaßen europäisch erscheinen lassen. Die starke Klasse der Juden hier ist die der Kolonisten und ihrer Intellektuellen (die Chalukajuden sind eine Minorität, mit der in Dingen der Zukunft nicht zu rechnen nötig ist, da sie sicherlich in absehbarer Zeit verschwinden werden), eine Klasse, die die guten Eigenschaften des Judentums — Zähigkeit, Aufopferungskraft, persönlichen Mut und starkes Selbstbewußtsein — immer weiter entwickelt, während die durch bedrückende europäische Jahrhunderte aufgepfropften Merkmale eines unterirdischen Daseins, wie Unterwürfigkeit und die der erzwungenen Beschäftigung mit dem Handel entstammenden Stigmata immer mehr verkümmern. Und wie überall das Judentum exzeptionell war und Außerordentliches gegeben hat, so wird auch hier in der Geschichte noch nicht Dagewesenes entstehen, denn die Wiedergründung einer Nation nach genau — im voraus — bedachten Leitlinien wurde nie noch versucht. (Die Versuche der französischen Saint-Simonisten und andrer um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts kann man nicht als die Konstituierung einer Gesellschaft betrachten, höchstens als utopistischen Versuch, denn ihnen fehlten ja die grundlegenden Gemeinsamkeiten, die einen auf ein Ziel gerichteten Massenwillen leiten müssen, um eben zu dem Ziel zu kommen. Ihnen fehlte in erster Linie die Gemeinsamkeit des Blutes und die der Unfreiheit.) Die Grundlagen sind gegeben, das Land und der Wille sind da, die Arbeit wartet auf die Hände: jetzt ist die Zeit gekommen, die vielen Gedanken in einen Strom zu leiten, wobei aber keineswegs irgendeine geistige Individualität verletzt werden möge. Es hat dieser Strom nur in das Meer des Bewußtseins zu fließen, dieses Bewußtseins, daß der Jude aus Asien kam und dorthin zurückkehren muß. Dann werden die Fehler vermieden werden, die der amerikanischen Kolonisation entwuchsen, und wie die äußeren Degenerationsmerkmale des Golus unglaublich schnell verschwinden, so werden die Ideenkreise sich verschieben, deren Zentren die aus Gewohnheit aufgenommenen 28*