Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Die Aufgabe [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 418 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4i8 Bemerkungen liehe Anschauung von der Mission des Judentums, Denn er spricht einzig von der aktuellen Aufgabe im Weltkrieg und nicht von einer Mission schlechthin, von einer allgemeinen und unter allen Bedingungen giltigen Aufgabe. Noch wichtiger aber ist ein zweiter Gegensatz zur „Missionslehre". Sie läßt in irgend einer Weise das Judentum beispielgebend sein, und das heißt im wesentlichen passiv, als ein angeblich Vollkommenes durch sein Sein das Unvollkommene erhöhend. Hier aber erhalten die Juden eine tätige Aufgabe, Keineswegs darum, weil sie die Liebenden schlechtweg sind, sollen die Andern Völkerliebe von ihnen lernen, sondern weil allerhand Umstände sie dazu besonders geeignet machen, sollen sie für ihren Teil und bei sich mit dem weltbürgerlichen Patriotismus anfangen. Und in diesem Sinne hat Bernstein zweifellos recht: das ist eine Aufgabe der Juden im Weltkrieg; wenn auch nicht ihre einzige, und auch nicht einzig ihre. Die Frage ist nur zu stellen nach den Möglichkeiten ihrer Erfüllung. Und hier wird Bernsteins Argumentation widerspruchsvoll, mindestens unklar. Denn was soll nun der Einzelne wirklich tun? Es wird ihm in dieser Schrift keine andere Antwort, als daß es ihm „ziemt, neben dem Landes- und Stammespatriotismus das weltbürgerliche Empfinden hochzuhalten, jene durch dieses zu läutern und zu veredeln". Und vielleicht ist das Aufgabe genug. Bernstein fühlt, daß sie aber nur erfüllt werden kann in Juden mit bestimmten geistigen Voraussetzungen. „Viele Juden glauben in Deutschland deutscher, in England englischer, in Frankreich französischer sein zu müssen als der einfache Deutsche, Engländer, Franzose. Diese Juden können natürlich nicht Mittler in jenem Sinn sein. Vielmehr sind sie überall eigentlich treibende Kräfte des Chauvinismus, des nationalistischen Denkens, der Völkerverhetzung." Dies ist eine natürliche, eine beinahe unumgängliche Folge der Assimilation. Darum dürfte sich Bernstein nicht begnügen, festzustellen, daß er sich „so sehr abgestoßen fühle" von gewissen „in so vielen Fällen mit der Assimilation verbundenen Zügen",, er müßte erkennen, wie sie es ist, die von Grund auf jegliche Förderung der Menschheit durch Juden verhindert, solange mindestens die Intellektuellen — und nur von diesen ist in der Schrift die Rede — zu einem beträchtlichen Teil ihr verfallen sind. Aber auch jener jüdische Typus kann nicht Mittler, völkerversöhnender Faktor werden, der diesem Chauvinismus nicht verfällt, der sich keiner „Nation" assimiliert, sondern irgendwie auf geheimnisvolle Weise direkt in die Menschheit zu wirken vorgibt. „Nicht die nationale oder ethnologische Wurzellosigkeit machen den Weltbürger, sondern das mit einem bestimmten Pflichtbewußtsein verbundene Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der großen Völkerfamilie, die den geistigen Kosmos unseres Planeten bildet." Und: „Der echte Weltbürger ist derjenige, der für die Welt, d. h., die große Familie der Völker, schaffend tätig zu sein sucht, was er aber nur durch Vermittlung von Gliedern dieser Familie wirkungsvoll ausführen kann." In wohlverstandenem Sinn kann demnach überhaupt nur der nationale Jude jenes seelische Gleichgewicht, jene innere Ruhe, Sicherheit und Bestimmtheit haben, die unerläßliche Voraussetzung für eine fruchtbare weltbürgerliche Gesinnung wären. Und nicht so, wie es Bernstein scheint, daß auc h der zionistische Jude weltbürgerlich denken und handeln kann. Vielmehr nur er, im eigentlichen Sinn des Wortes. An dieser Stelle wird deutlich, wo die Störung der Argumentation durch die unausgesprochenen Gefühle und Einstellungen liegt: Den Dingen klar in die Augen sehend, erkennt man, wie Weltbürgertum und Zionismus sich nicht ausschließen, wie dagegen übertriebene Assimilation und Weltbürgerlichkeit einander f eind sind, und zwar einerlei, ob die Assimilation direkt an die Menschheit vorgegeben wird, oder an einen ihrer Teile, an eine Nation. Aber verborgen bleibt, daß schon die assimilatorische Tendenz abrückt von der weltbürgerlichen, und daß diese unbedingt verlangt, daß die Juden „den Mut aufbringen, ganz nur sie selber zu sein". Wenn sie Mut und Kraft finden werden, dies wahrhaft zu tun, dann werden sie der Gefahr entrinnen, auch noch im Bemühen, sich selber zu finden, fremde Ideologien, Formen und Taten aufzunehmen: den „Nationalismns" der anderen Nationen; denn sie, aus anderen Grundlagen zu anderen Zielen bestimmt, können mit ihm nichts mehr gemein haben als den Namen und periphere Ähnlichkeiten. Und wäre es auch bloß nicht darum, weil nur in der jüdischen Religion „das Hauptgebet den Satz enthält, der, in seiner vollen Bedeutung erfaßt, das kategorische Pflichtgebot für jeden Juden ausdrückt, für sie mit größter Hingebung einzutreten und in ihrem Sinne als Mittler der Völker sich zu betätigen: Gedenke, daß du ein Knecht warst in Ägypten!" Siegfried Bernfeld