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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 5-6 · p. 417

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Die Aufgabe [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
417 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 417 der neuen Situation gleich entscheidend geblieben sein, sofern sie nur, losgelöst von ihrer äff ektiven Basis,Bestand erweisen würden. Diese Erlebnisgrundlage freilich bleibt unserer eigenen Entscheidung unverlierbar anheimgegeben. So hat Eduard Bernsteins Schrift „Von den Aufgaben der Juden im Weltkrieg" für uns etwas Befreiendes. Viele verehren ihn als Persönlichkeit, vielen ist er geachteter Repräsentant eines Gedankensystems, einer Betrachtungsweise der nationalen und jüdischen Dinge, die so viel Vernunft für sich und so viel Unvernunft gegen sich zu haben scheint, daß manchem zuweilen unheimlich geworden sein mag bei dem Gedanken, klüger zu sein als alle diese Antinationalisten von Menschheits wegen. Kürzlich äußerte sich nun Bernstein*) — in einem „menschlichen Dokument" von so überaus ansprechender Einfachheit und Gerechtigkeit, daß sich die Empfindung aufdrängt: in diesem Mann ist die seelische Substanz lebendig, die in anderer Sphäre den jüdischen Typus des „weisen Rabbi" gestaltete — über seine Stellungnahme zur jüdischen nationalen Bewegung. Er empfindet in seinem Verhalten, in seinem Sichnicht-Verhalten einen Widerspruch: „Daß ich zwar meiner Abstammung vom Juden mir bewußt bin und kein Bedürfnis in mir fühle, sie zu verdunkeln, nein, wo Juden um ihrer Abstammung willen zurückgesetzt sind, im Gegenteil solidarisch mit ihnen fühle, daß ich mich aber nicht entschließen kann, irgend einer spezifisch jüdischen Verbindung beizutreten." Er sucht den Widerspruch im Gefühlsmäßigen, in „den seelischen Einwirkungen der Umstände und der Umgebung, in denen ich aufgewachsen hin". Sie sind die Ursache, warum er die auch von ihm gefühlte und anerkannte Judenfrage anders auffaßt als wir. „Die Judenfrage als Frage eines besonderen nationalen Rechtes oder Interesses der Juden aufzufassen, ist mir nicht in den Sinn gekommen." Und so fühlt eÜ sic^ eher gezwungen, eine Entschuldigung für seine Argumente als eine Rechtfertigung ihrer zu geben, und schon gar scheint ihm fernzuliegen, die Berechtigung den unseren abzustreiten. Dessen können wir uns freuen, aenn eine neue Logik durchzusetzen, wäre nicht unser Ehrgeiz. Hier gilt kein Kampf der Generationen. Ein neues Lebensgefühl und dessen Auswirkungen — das ist Recht und Pflicht d^r Jungen. Was meint nun Bernstein, aus seinen Er- *) Der Jude. II. 3. Wie ich als Jude in Diaspora aufwuchs. Heft 5/6. fahrungen und Einstellungen heraus als Aufgabe den Juden im Weltkrieg zuerkennen zu müssen? Bei aller Anerkennung der Berech, tigung und Notwendigkeit des nationalen Gefühls erscheint ihm durchaus wichtig die Bekämpfung des nationalistischen Denkens, denn es „bewirkt durch Übertreibung des naiven Nationalgefühls dessen Zurückbüdung zum Standpunkt des alten beschränkten Stammesempfindens", das völkertrennend und haßsäend ist. „Und der ernsthafte Kämpfer für den Fortschritt der Menschheit blickt umher nach den Kräften, die ihnen (in der Arbeiterbewegung und anderen internationalen Strömungen) zur Seite treten und ihrem Werk neue Lebenskräfte zuführen könnten." Die Juden sind die natürlichen Helfer bei diesem Werk. „In dem Maße, als sie am allgemeinen Leben der Nationen Anteil nehmen konnten, betrachteten die Juden sich naturgemäß als zu dieser Nation gehörig und damit auch gehalten, die Pflichten des Staatsbürgers gegen sie zu erfüllen. Aber die Zugehörigkeit zu der über die Welt zerstreuten jüdischen Volksgesamtheit besteht auch daneben doch noch fort... So konnten die Juden tatsächlich ein verbindendes Element für die Völker der Kulturwelt werden ... Es fiel ihnen eine Rolle als Mittler der Nationen zu." „Dem Abkömmling von Juden ist in dieser, von nationalem Hader zerrissenen Welt durch die Geschichte seines Volkes eine besondere Mission zugewiesen." „Ihm kommt es zu, der Völkerverhetzung jeglicher Art, allen Auswüchsen des Nationalismus nach besten Kräften entgegenzuwirken." Und der Jude kann dies vor allem auch deshalb, weil es ihm nicht nur gelungen ist, neben dem Stammespatriotismus seinen Landespatriotismus lebendig zu bewahren — diese beiden sind kein Gegensatz; „nur in ihren gesteigerten Formen können sie nicht gleichzeitig das empfindungsmäßige Denken ein und derselben Person beherrschen" — sondern auch aus dem folgenden Grund: „Wie das Judentum als Einheit begriffen durch die ihm von der Geschichte zugewiesene Lage tatsächliches Weltbürgertum ist, so ist das weltbürgerliche Bewußtsein, das keinem Kulturmenschen fremd sein darf, dem Juden, der nicht die Assimilation so weit treibt, die Erinnerung an seine Herkunft mit Füßen zu treten, ein Stück Erbgut, das ihm stets gegenwärtig sein sollte, wenn er zu Fragen der Völkerpolitik Stellung zu nehmen hat. Er muß auch weltbürgerlichen Patriotismus kennen und empfinden." Man sieht, Bernstein vertritt nicht die üb- 28

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