Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Ein Bekenntnis
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 414 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Ein Bekenntnis Jenseits des Ozeanshatsich eine wunderbare Umwandlung vollzogen. Das amerikanische Judentum, das noch vor kurzem an der ganzen jüdischen Regenerationsbewegung so gut wie gar nicht beteiligt war, das erst während des Krieges das Verantwortungsgefühl für die Leiden der Juden recht lebendig zu empfinden begann, wird jetzt von der großen jüdischen Hoffnung auf eine baldige Erlösung hingerissen und stellt sich in die Reihen der radikalen Zionskämpfer. Große Arbeiterverbände, darunter auch Elemente, die in der kosmopolitischen Prägung des jüdisch-amerikanischen Sozialismus aufgewachsen sind, fassen Palästina-Resolutionen, die keine zionistische Tagung extremer fassen könnte. Territorialistische Führer, die längst das „tote Land" aus ihrer Fahne ausgemerzt haben, bekennen sich von neuem zu Palästina mit dem schwärmerischen „Eifer von einst. Sozialistische Denker, die im Kampf gegen die ~messianische Utopie" ihren Ruhm erworben haben, werden selbst zu ihren Propheten. Volksfremde Philanthropen, die in der assimilatorischen Bewegung grau geworden sind, halten Reden im Geiste eines Achad-Haamisten. Altbekannte Zionsfeinde treten in der Öffentlichkeit als „Wir Zionisten" auf, und selbst die Neuyorker Kehilla, diese Hochburg der amerikanischen assimilatorischen Großjuden, nimmt Beschlüsse an, die eines der ersten Baseler Kongresse würdig wären. Woher kommt dieser Geist der Umkehr, der das amerikanische Judentum ergriffen hat? Hat sich in der Tat das Volk endlich auf sich selbst besonnen? Standen doch manche dieser Männer noch gestern im offenen Kampfe mit dem ausgesprochenen Volkswillen! Ist es etwa das Resultat einer besonders glücklichen zionistischen Agitation? Sind doch die Zionisten an manchen dieser Tagungen so gut wie gar nicht beteiligt! Und die Methoden, mit denen die neuen Freunde den Zionismus noch gestern bekämpft haben, waren derselben Natur wie immer vorher. Haben wirklich diejenigen recht, die diesen ganzen zionistischen Aufschwung lediglich als Erfindung einer nichtjüdischen politischen Propaganda darstellen? Hat doch das amerikanische Judentum gerade während des Krieges am deutlichsten gezeigt, wie intensiv- und souveränjüdisch seine Wünsche und Sympathien sind und wie vergeblich die Bemühungen der fremden politischen Mächte waren, es auf Irrwege zu verlocken! Die Stellung der gesamten jüdisch-amerikanischen Presse zu Rußland vor und nach der Revolution, allen äußeren Beeinflussungen zum Trotz, legte dafür ausreichend Zeugnis ab. Keineswegs wurzelt dieser Ausbruch des Volkswillens in fremden politischen Aspirationen. Aber die Tatsache selbst, daß nichtjüdische Politiker die jüdische nationale Hoffnung ernst nehmen, hat hier sicher die ausschlaggebende Bedeutung. Die „Nation" hat geschrieben, Lansing hat gesprochen Balfour hat versprochen, Wilson hat zu sprechen versprochen, und dies genügt. Ja, dies genügt viel mehr, als alle die geistvollen Aufklärungen aller zionistischen Theoretiker im Verlauf von Jahrzehnten. Wie Rauch verschwanden die unzähligen antizionistischen Prinzipien, Theorien und Glaubenssätze und all die religiösen, patriotischen und sozialistischen Bedenken vor der einen Erwägung: die Möglichkeit einer Verwirklichung ist also doch vielleicht nicht gänzlich ausgeschlossen. Alle anderen Beweise sind dann völlig überflüssig. So verrät sich das Volk. Nicht so ist es, daß das Volk das von uns ersehnte Glück nicht für Glück halte, sondern so, daß es dieses Glück nicht zu glauben wagt, „weil klein ist der Geist und erdrückend die Fron". Hieristder Beweis. Für einen Augenblick blitzte dem Volke ein Hoffnungsstrahl auf und das Eis der Gleichgültigkeit schmolz, die Feindseligkeit wich und der alte souveräne Wille zur Selbständigkeit brach durch und beherrschte das Volk. Wer die Verwirklichung des zionistischen Ziels als unbedingte Notwendigkeit des Wachstums der inneren Volkskräfte empfindet und