Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Emanzipation und Machtwille im modernen Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 378 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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378 Gustav Landauer: jude gerät in eine peinliche Zwischenstellung. Auch er muß fühlen, wie vieles ihn mit uns gegen jene verbindet. Zugleich aber muß ihn schöner völkischer Stolz, in tiefen Instinkten verwurzeltes Solidaritätsgefühl mit der Gesamtheit seiner Nation daran hindern, sich und erst recht uns dies querschichtige Verbundenheitsgefühl einzugestehen. *) Ganz unvermittelt, in anständig-patziger Ehrlichkeit droht er, unserem nationalen Stolz den ebenso hartkörnigen von seiner Seite entgegenzusetzen. Er nimmt mit offenem Visier einen weiter ausgreifenden Kampf auf, als wir ihn wollen. Nun wohl, dann soll er sich auch bei uns nicht über die Gebärde wacher Kampfbereitschaft wundern und uns nicht wehren, die gegenseitige Lage von unserem Blickpunkt aus hart, kühl und entschieden herauszustellen. Und wo gekämpft werden soll, da ist es Donquichotterie, die Machtfragen und — in einem weiten Sinne genommen — die Machtpolitik außer .Sicht zu rücken und gar Taktfragen über Gebühr hervorzukehren. Hier tut sich nun doch wieder das Trennende auf. Wir haben beiderseits den Mut, es fest anzublicken. Nur die vergifteten Waffen wollen wir abschaffen, und darin sind wir doch wieder einig. Die Judenheit war in den letzten Jahrzehnten eine Nation in den Nationen der Erde, nun will sie — in ihren edelsten und berufensten Führern — eine Nation unter den Nationen werden. Die Atmosphäre ist rein. Nun mögen sich die ritterlichen Klingen kreuzen. Ihr wißt, was für uns in der Idee des Rittertums beschlossen liegt: Kampfesfreude in der Welt, auch in der des Geistes, und Friede vor Gott allen, die lauteren Willens sind. Straßburg i. Z. Max Hildebert Boehtn DER KAUFMANN VON VENEDIG Ein Vortrag von Gustav Landauer**) Es ist etwas Eigentümliches mit Titeln und Namen: sie nähren sich so sehr von dem eigentlichen Inhalt, den sie bezeichnen, und von den Stimmungen, die diesen Inhalt umschweben, daß die wörtliche Bedeutung manchmal fast bis zum letzten verloren geht. Bei der Friedrichstraße in Berlin denkt man an das Leben, das dort durchzieht, aber an keinen Friedrich. Ich habe einmal beim Eingang zu einem Konzertsaal an einem Abend, an dem Schuberts Unvollendete auf dem Programm stand, einen Engländer die Worte The unfinished symphony *) Stärker als in Zweigs hier zugrundegelegtem Aufsatz spüre ich Empfindung und Ausdruck solcher Verbundenheit der geistigen Jugend von hüben und drüben im „Nachwort", das Zweig im Heft 3 des laufenden Jahrgangs an mich richtet und das erst nach Abschluß dieses Aufsatzes mir vor Augen kam. Seiner mir sekundierenden Kritik Cohens, insbesondere auch seinen schöngeformten und tiefen Einsichten über deutsche Wesensart kann ich nur beistimmen. Bedauernd anzumerken bleibt mir nur, wie Zweig uns geistigen Deutschen vorhalten konnte, wir hätten das Gebaren der Radauantisemiten unwidersprochen gelassen. Derartige Unterstellungen sollten unter allen Umständen vermieden werden. **) Ein Abschnitt aus einem Buch, das in der Literarischen Anstalt Rütten & Loening in Frankfurt a. M. erscheinen wird und den Titel führt: Shakespeare. In zwanzig Vorträgen dargestellt von Gustav Landauer.