Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 370 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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370 Jakob Klatskin: Deutschtum und Judentum der Gemeinschaft, die allein in der Einheit des Staates beglaubigt wird. Wie soll der Jude sein Denken und Fühlen, seine sozialen Strebungen und Handlungen verteilen zwischen der Pflicht einer den ganzen Menschen fordernden „Treue des Gehorsams" gegen das adoptierte Vaterland und der Pflicht einer auf alle Geschlechter hinaus währenden „Treue der Liebe" zu seinem Volke und zum ursprünglichen Vaterland? Entweder, oder: entweder wird die Treue des Gehorsams rein formeller Natur sein, eine kalte Pflichterfüllung bleiben, oder aber die Treue der Liebe wird illusorisch. In beiden Fällen macht sich der Mensch — nach Cohen — eines sittlichen Vergehens schuldig. Es ist also das Schicksal des jüdischen Volkes in seinen vielen Adoptivländern, in beständiger Tragik eines Seelenkonfliktes, eines sittlichen Zwiespaltes der zwiefachen Treue, oder — entscheidet sich der Konflikt — in beständiger Verletzung der einen oder anderen Forderung der Treue zu leben. Es gibt mithin keine andere Lösung, keine andere Erlösung aus dieser Zweiheit als die Rückkehr des Volkes in sein Land. Aber nicht nur unsere Feinde, gar viele Juden verweigern unserem Volke die Gleichberechtigung. Der Nationalismus anderer wird verherrlicht, der jüdische verdammt. Cohen preist den Staat als höchste sittliche Form des Lebens, er tritt auch für das Heerwesen ein (D. u. J., S. 46). Aber den Juden verbietet er den Staatsgedanken, rühmt an den Propheten Israels, daß sie in ihrem Kosmopolitismus ihr Vaterland preisgegeben hätten (Eth. d. r. W., S. 204), und lobt die Vorsehung ob unserer universellen Zerstreuung, ob des Verlustes unseres nationalen „Partikularismus", unseres Staates. Es ist grausam, was sich die Propheten von den Predigern der Assimilation alles gefallen lassen müssen. Sie, die Propheten, sollen auch gegen den Zionismus zeugen. Welches Volk hätte einen solchen Frevel geduldet? Wahrlich, ehe wir Rechtsgleichheit der Juden von den Völkern fordern, müßten wir von den Juden selber die Anerkennung der Gleichberechtigung für unser Volk erkämpfen. * * # Ich kann nicht meine Besprechung schließen, ohne noch ein persönliches Wort zu sagen. Denn diese Schrift war für mich als einen Verehrer Hermann Cohens auch ein persönlicher Schmerz. Ich verstehe ihre gute Absicht, ihre doppelte Absicht, die deutsche und die jüdische. Ich verstehe ihren zeitgemäßen Charakter, der manches entschuldigen mag. Aber sie ist eben zu viel Absicht, und zu viel ist in ihr vom Charakter der Kriegsliteratur. Schließlich hat diese Tendenzschrift nur das Gegenteil von dem erreicht, was sie bezweckte: Der gewagte Versuch, Deutschtum und Judentum als wesensgleich oder wesensverwandt darzustellen, konnte nicht glücken, ohne daß die Eigenart sowohl des deutschen als des jüdischen Kulturgeistes geschmälert wird. So hat Cohen Deutschtum und Judentum Gewalt angetan, beiden wehgetan- Und ich möchte mit Vaihinger sagen: Wenn es dem Meister ebenso leid tun sollte, die Kritik seines Schülers anzuhören, wie es diesem leid tut, sie nicht verschweigen zu können, so möge er verzeihen. Vitznau am Vierwaldstättersee Jakob Klatzkin