Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 339 (sequence 19)
- Language
- German
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudeutum 339 den Rechenbericht der jüdischen Unterstützungsgesellschaft der Stadt Chotin (Gouv. Bessarabien) für das Jahr 1900 aufmerksam gemacht, die überaus lehrreiche und typische Verhältnisse aufweist. Es sei nur bemerkt, daß die Tätigkeit der neuen Organisationen sowohl hinsichtlich der Verwaltung wie auch der Beschaffung und Verwendung der Mittel auf ganz moderner, rationeller Grundlage beruht. Da das ostjüdische Organisationswesen auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge nur einen ganz geringen und verhältnismäßig kaum erheblichen Bruchteil der allgemeinen Wohltätigkeit erfaßt, wird man einer Reform der bestehenden Institutionen, so wichtig und notwendig sie auch sei, grundlegende und umwälzende Bedeutung kaum beilegen können. Es handelt sich deshalb zunächst darum, die schrankenlose Privatwohltätigkeit in eine passende Organisationsform zu bringen. Dies aber wird wie bemerkt, bei dem abnormen Umfang und der katastrophalen Ausbreitung der ostjüdischen Armut schwerlich vollbracht werden. Eine moderne jüdische Armenpflege wird einer vom gesamtjüdischen Gesichtspunkte geleiteten, tatkräftigen Sozialpolitik den Vortritt lassen müssen. Diese wird, indem sie die eigentlichen Ursachen des jüdischen Elends trifft, bemüht sein, die jüdische Armut auf ein normales Maß zu reduzieren, und so ein jüdisches Armutsproblem erst schaffen. Hier wird eine moderne öffentliche jüdische Armenpflege erst einsetzen können. Während diese Zeilen geschrieben werden, werden in Rußlands Hauptstadt Vorbereitungen zur Konstituierenden Versammlung getroffen. Nun geht das gesamte Ostjudentum seiner Befreiung entgegen. Der eherne Gang der Dinge wird die von uns gezeichneten Entwicklungstendenzen unerwartet schnell in ein akutes Stadium rücken. Aus der bevorstehenden Neuordnung des politischen Ostjudenproblems ergeben sich mit Klarheit die Grundtendenzen künftiger Wirtschaftsentwicklung. Der durch Entindustrialisierung und Rückkehr zur Agrarwirtschaft gekennzeichnete gewaltige ökonomische Rückbildungsprozeß Polens wird die von der Urproduktion ausgeschlossenen, depossedierten jüdischen Millionenmassen dieses Landes vor eine Katastrophe stellen, aus der es nur einen Ausweg geben wird: Auswanderung. In den an Rußland verbleibenden Komplex des Ostjudentums wird nach der bevorstehenden endgiltigen Aufhebung <ter Aufenthaltsbeschränkungen eine große Abwanderung Platz greifen. Die Lösung der mit der Organisation der Aus- und Abwanderung verbundenen Fragen wird die nächste Aufgabe einer gesamtjüdischen Sozialpolitik bilden. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist die elementare Vorbedingung einer künftigen Reform des ostjüdischen Armenwesens und der ostjüdischen Armenpflege. Berlin Leo Rosenberg 23*