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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5-6 · p. 335

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 5-6
Article
Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum
Date
1918-01-01
Page
335 (sequence 15)
Language
German
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Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum 335 der der jüdischen Gefühlsweise entsprach und dem sittlichen Bewußtsein das höchste Maß von Genugtuung gewährte. Ergreifend ist das Feingefühl und die persönliche Teilnahme, die auch der ärmste und ungebildetste Ostjude bei dieser Betätigung zu entfalten pflegte. Dem Hungrigen steht jedes jüdische Haus offen. Bei Tische gilt er als achtungswertes Familienmitglied, dem alle üblichen Ehren zufallen. Jene Art der Gastfreundschaft, die Midat-Hachnassat-Orchim, von deren Ruhm das gesamte jüdische Schrifttum wiederhallt, ist noch heute im ostjüdischen Städtchen überall zu Hause. Kein jüdischer Baal-Habajit geht am Sabbat ohne einen oder gar mehrere Gäste zu Tische. An Wochentagen ist es bald ein Meschullasch, ein Magid, irgend ein fahrender Lamdan und Mechaber oder sonst ein würdiger Armer, an bestimmten Wochentagen aber der „tageessende" Jeschiwa- Bachur, die seine Gäste sind. Der Wanderarme wird zu jeder Tageszeit gespeist. Im „Städtchen" ist denn auch für Vereine und Anstalten zur Speisung der Armen kein Betätigungsfeld vorhanden. Dieser Zweig des Wohltuns trägt hier einen individuellen, persönlichen, ja familiären Charakter. So bestehen derartige Institutionen tatsächlich bloß in größeren und großen Städten, wo der Zug ins Unpersönliche und „Sachliche" auch im Bereiche der altjüdischen Lebensformen zur Herrschaft gelangt. Es kommt auch dieser Umstand in den folgenden Ermittelungen zum Ausdruck. Die Zahl der ermittelten Vereine und Anstalten für Armenspeisung betrug: Zahl der Institutionen /"* «1*J«4.« * In Gouvernein anderen In Flecken und Insge¬ (jeoiete: mentstädten Städten Vorstadtgebieten samt Nordwest 8 10 5 23 Südwest 3 7 4 H Süd 7 I I 9 Polen i 2 I 4 Insgesamt 19 20 II So Von den auf sämtlichen Flecken und Kleinsiedelungen in Westrußland entfallenden ii Anstalten waren 4 Koscherküchen für jüdische Soldaten. Es geht daraus hervor, daß bloß 1,1% sämtlicher (auf etwa 1000) berechneten Punkte dieser Art Institutionen für Armenspeisung aufzuweisen haben; von (276) Städten — 7,2°/0> von den Gouvernementstädten — 76%. Die öffentliche Organisation der Speisungsfürsorge ist eben eine Großstadterscheinung. Freilich ist auch in den großen Städten die private Fürsorgetätigkeit auch auf diesem Gebiete bei weitem vorherrschend. Ihre Haupteinnahmequelle findet die öffentliche Speisungsfürsore in den Mitgliederbeiträgen. So zählte die berühmte Wilnaer Jüdische Volksküche bereits gegen Ende des vorigen Jahrhunderts 629 zahlende Mitglieder, während die gleichzeitig mit dieser gegründete „Wohlfeile Sabbatküche" 1175 Gönner zählte*). Recht erhebliche Mittel fließen der Wilnaer Küche (wie auch ähnlichen Anstalten *n anderen jüdischen Großstädten) aus den Erträgen aus städtischem Grundbesitz P Jahresberichte der Wilnaer Jüdische Volksküche gewähren übrigens recht bezeichende Einblicke in Bezug auf das Anwachsen des jüdischen großstädtischen Elends. Das J l899 wies eine Steigerung der ausgegebenen Portinenzahl gegenüber dem Vorjahre m 25°/0; die Gesamtzahl der Portionen erreicht im obigen Jahre 168 185,

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