Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionismus in Polen
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 292 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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in Palästina nicht mehr aus dem „objektiven" Gesichtswinkel der deutschen Juden beobachten und analysieren dürfen, wir werden entweder handelnde und leidende Teile dieser Masse sein, oder wir werden keine Juden mehr sein. So wird uns das, was sich heute im polnischen Judentum begibt, besonders nahe und besonders wichtig. Indem wir den Strömungen dort nachgehen, erkennen wir vielleicht die ersten Spuren des Weges, der uns selbst beschieden ist. Die zionistische Bewegung in Polen war organisatorisch nie sehr entwickelt. Der starke Druck der russischen Regierung ließ keine eigentliche zionistische Organisation und nur heimlich eine zionistische Bewegung aufkommen. So bedeutete die Besetzung Polens durch die Deutschen für die polnischen Zionisten die erste Möglichkeit, einigermaßen ungehindert die Organisation aufzubauen. Es ist mancherlei in dieser Hinsicht geschehen, seitdem die neuen Verhältnisse ein freieres Arbeiten ermöglicht haben. Vereine wurden allerorten gegründet, Konferenzen wurden abgehalten (alles Dinge, die im alten Rußland verboten waren und schwer bestraft wurden), und nachdem jetzt die deutschen Behörden die „Zionistische Vereinigung für Polen" legalisiert haben, ist der zionistischen Arbeit unter den Juden Polens ein nur wenig beschränkter Raum gegeben. Gleichzeitig aber wird das Feld, auf dem der Zionismus zu arbeiten hat, erheblich ausgedehnt. Diese Bewegung, die eben erst in die Lage versetzt wird, sich Organisationsformen und Arbeitseinrichtungen zu schaffen, steht mit einem Schlage vor einer Fülle von Problemen, die für den organisierten Zionismus bisher nur in der Theorie bestanden. Das jüdische Leben, frei geworden von den Fesseln einer schmachvollen Unterdrückung, strömt mit großer Gewalt gegen die Mauern und Grenzen, die die zionistische Bewegung sich selbst zu setzen eben anschickt, und die ungeheure Prüfung, die der Krieg dem jüdischen Volke auferlegt, und die ungeheure Möglichkeit, vor die der Frieden es stellt, zwingen mit einem Schlage das ganze theoretische Gebilde zu positiver Existenz und machen aus dem, was gestern noch Agitation v/ar, eine Frage der unmittelbaren Notwendigkeit. Die Gegenwartsarbeit ist zwar kein neues Problem für die polnischen Zionisten. Die russischen Zionisten haben seinerzeit im Helsingforser Programm die Richtlinien festgelegt, nach denen die Gegenwartsarbeit der Zionisten geschehen soll. Aber die Verhältnisse ließen es bisher zu einer eigentlichen Gegenwartsarbeit nicht kommen, insbesondere nicht zu ihrer rein politischen Seite. Der Krieg hat diesen Zustand in Polen geändert, wenn auch nicht in dem Maße, wie in Rußland. Die Frage der Neugestaltung des polnischen Staatswesens bringt die Frage nach dem Anteil der Juden an der Entwicklung und der Verwaltung des neuen Staates mit sich. Das Problem der nationalen Autonomie wird aktuell und kam in den Stadtratswahlen zu einem ersten Ausdruck. Der schwere Kampf, den die Polen schon jetzt gegen die Juden führen, verleiht dieser Frage eine besondere Schärfe und macht aus praktischen Erwägungen prinzipielle Bedingungen. Im Innern verlangt die Neugestaltung des jüdischen Gemeinwesens, die von der deutschen Regierung eingeleitet wurde, grundsätzliche Stellungnahme und tätigen Anteil. Die Gemeindewahlen, die Regelung des Schulwesens sind nicht nur Fragen des Augenblicks; sie geben dem Zionismus die Möglichkeit und stellen ihn vor die Notwendigkeit, den Ewigkeitswert der zionistischen Theorie an der Forderung des Tages zu erweisen. Dazu kommen die religiösen Organisationsbestrebungen, die in der