Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Ein politischer Faktor
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Berger: Zionismus in Polen 291 geworden. Der Tag der endgültigen Selbstbesinnung der Völker wird auch sein Tag sein; keiner der Tage ihrer Verstrickung kann es werden. Diese, zu der wir vor zwanzig Jahren uns im Angesicht der Menschenwelt bekannten und der wir treu geblieben sind, ist eine andere Politik, als die in diesem Kriege herrscht, eine andere, als die war, deren Fortsetzung mit allen Mitteln wahrlich dieser Krieg darstellt. Es ist eine Politik des Freimuts und nicht des Mißtrauens, der Offenheit und nicht des Hinterhalts, der Direktheit und nicht der Intrige. Wenn der Zionismus durch seine politische Methode diese neue Politik einsetzen hilft, wird er auch in einem besondern hohen Sinn ein politischer Faktor genannt werden dürfen. Martin Buber ZIONISMUS IN POLEN Die Entwicklung, die der Zionismus in Polen jetzt durchmacht, ist für uns deutsche Juden von ganz besonderem Interesse und verdient wohl eine eingehendere Behandlung. Denn dort entwickeln sich jetzt schon greifbar nahe für uns und so, daß wir es miterleben können, die Probleme, die nach dem Kriege für die Gestaltung der Verhältnisse in den Ländern der jüdischen Massen bestimmend sein werden und bestimmend auch für die Stellung, die dem Zionismus im Leben des jüdischen Volkes zukommt. Die vom Krieg bewirkte Aufrollung und Verallgemeinerung des Nationalitätenproblems hat dem Zionismus mit einem Schlage eine sehr viel größere Resonnanz verliehen. In Rußland sind die schweren Verbote gefallen, die unter der zaristischen Herrschaft die nationaljüdische Betätigung fast unmöglich machten. Ein ungemein starkes zionistisches Leben ist dort entstanden; indes wissen wir von ihm ebenso wie von dem überwältigenden Wachstum der zionistischen Bewegung in Amerika nur durch die Zeitungen. In Polen aber können wir selbst dabei sein und selbst feststellen, nicht nur wie der Zionismus wächst, sondern auch wie er zu den Fragen des jüdischen Lebens Stellung nimmt und Stellung nehmen muß. Hier können wir zum erstenmal selbst beobachten, wie der Zionismus als jüdische Volksbewegung real wird, aus den schattenhaften Umrissen der Theorie herauswächst, fragt, gefragt wird und antwortet. Es ist wichtig für uns, uns klar zu werden über das, was dort vorgeht. Nicht nur deshalb, weil in den letzten Jahren und nicht zum wenigsten im Kriege die zionistische Theorie gerade aus den Kreisen des deutschen Zionismus maßgebend befruchtet wurde und es wohl nötig ist, zu prüfen, inwieweit das Gedankengebäude, das da errichtet wird, auf dem Boden der jüdischen Wirklichkeit steht. Es ist wichtig vor allem auch deshalb, weil uns dies eine ja heute bewußt ist, daß unsere Aufgabe nach dem Kriege nicht darin bestehen kann, daß wir deutsche Juden, Westjuden, die zionistische Theorie beeinflussen, sie nach unseren Gedankengängen modeln, sondern daß wir ein Stück des jüdischen Volkes werden, daß auch wir deutschen Juden und jedenfalls wir deutschen Zionisten Glied der jüdischen Masse werden Bussen, aus der Vereinsamung herausmüssen, in die uns die politische und geistige Entwicklung gestellt hat. Wir werden die Nöte und die Hoffnungen der jüdischen Masse in Rußland und in Galizien, in Rumänien und in Amerika, in England und 20*