Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Ein politischer Faktor
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 289 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN POLITISCHER FAKTOR Das Streben nach der Begründung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina ist, so sagt man, „ein politischer Faktor" geworden. Betrachten wir die Wirklichkeit, die sich hinter diesem Schlagwort verbirgt. Es ist eine zwiegesichtige, eine zwiespältige Wirklichkeit Dies ist ihr lichtes Antlitz: Die Völker fühlen mit steigender und ingrimmiger Gewißheit, daß es bei ihnen steht, ob dieser Krieg die hoffnungslose Hölle oder der höllenähnliche Reinigungsort dieser späten Jahrhunderte ist. Sie haben zu erkennen begonnen, daß er aus ihrer aller Schuld geworden ist, und ahnen, daß ihnen zur Sühne gereichen mag, was sie aus ihm werden lassen. Und von Augenblick zu Augenblick wird ihnen stärker kundbar, daß alles aus ihm werden kann, was zu wollen sie fähig sind. Es ist die Stunde einer säkularen Bildsamkeit der Menschenwelt. Die Verfassungen der Gemeinwesen, die Ordnungen der Wirtschaft, die Beziehungen der Staaten, alles ist bestimmbar geworden, alles harrt der meisterlichen Hände. Unter den Aufträgen, die die Zeit in diese noch unsichtbaren Hände legt, ist ein vor allen andern harter und spröder: die Selbstbestimmung der Nationen zu verwirklichen. Hart und spröd ist er, weil die Ansprüche, die ihm als Material für die zu treffenden Entscheidungen überantwortet werden, einander mannigfaltig widersprechen und der eine oft nicht ohne Schmälerung eines anderen erfüllbar erscheint; wohl auf keinem Gebiet wird die Schlichtung des vielfältigen Widerstreits so schwierig sein wie auf diesem, wo er nicht bloß in politischen Forderungen, sondern auch in historischen Erinnerungen, in logischen Definitionen, ja in statistischen Tabellen waltet Es gibt freilich Ansprüche, deren Gerechtigkeit unvermischt ist und deren Anmeldung schon ihre Anerkennung hätte bedeuten müssen, wenn damals bereits das Gewissen der Völker erwacht wäre, das heute erwacht. Ein solcher Anspruch ist der des jüdischen Volkes auf die Gewinnung eines neuen organischen Mittelpunkts seines Lebens im Lande seiner Jugend. Dieser Anspruch verletzt keinen andern nationalen Bestand, kein anderes nationales Recht; das ist, nachdem es oft erklärt wurde, vor kurzem in der Eröffnungsrede der ersten zionistischen Delegiertenkonferenz im freien Rußland mit erfreulicher Deutlichkeit dargelegt worden, und daß es so ist, daß dieser Anspruch zutiefst beglaubigt ist, haben die Völker in dieser Stunde der säkularen Bildsamkeit zu erkennen begonnen. Die philozionistische Stimmung wächst zur tätigen Gesinnung heran. Überall beginnt es Menschen, die gutes Willens sind, Ernst um Zion zu werden. Es ist nicht mehr bloß Achtung, was sie dem seiner wurzelhaften Ewigkeit bewußten Judentum entgegenbringen, es ist Hilfsbereitschaft. Das ist das helle Antlitz der zwiegesichtigen Wirklichkeit, die sich hinter dem Schlagwort, der Zionismus sei ein politischer Faktor geworden, verbirgt. Heft 5/6. 20