Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Psychologie und Judentum [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 285 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 285 ist es der Experimental-Psychologie überhaupt nicht gegeben, bis in die letzten Tiefen des menschlichen Seelenlebens vorzudringen, oder — wie der Verfasser sagt — „die psychischen Grundqualitäten" zu analysieren. Sie kann lediglich die äußeren Erscheinungsformen, in denen diese sich auswirken, feststellen. (Auch für derartige Untersuchungen ist ein weit größeres Material notwendig, als dem Verfasser zur Verfügung stand, sonst sind die unvermeidlichen Fehlerquellen zu groß). Wenn die Experimental-Psychologie ihre Aufgaben in dieser Weise begrenzt — und hier sei an Richard Hönigswald erinnert —, ihre Untersuchungen methodologisch fundiert, so daß sie sich nicht ins Uferlose verlieren, dann wird es ihr vielleicht vergönnt sein, mitzuwirken an einem großen Werke, dessen Ziel es ist, die Unterschiede zu bestimmen zwischen den Juden und den Völkern, in deren Mitte sie wohnen. Fritz Sternberg Zur Aussprache und Transkription des Jüdischen (Prof, H. L. Strack. Jüdisch-Deutsche Texte. Leipzig, Hinrichs, 1917) Aus der Flut jederlei Auf klär ungsliteratur über unser Volkstum und unsere Sprache sei Prof. Stracks Buch hervorgehoben, das gewiß nicht zum Ziele hat, eine tiefe Sachkenntnis durch billige Phrasen zu ersetzen. Aufrichtiger Wunsch, sich und andern das Ostjudentum zugänglich zu machen, spricht aus dem Buch. Und angenehm unterscheidet es sich von den meisten Werken der Kriegsliteratur dadurch, daß es nur über Erkanntes und Bekanntes sprechen will, unbesorgt, daß die Neugierde des Lesers nicht voll befriedigt wird. Wenn der Arbeit doch einige — manchmal recht empfindliche — Fehler unterlaufen sind, so rechtfertigt sie der Vorwurf, den Strack erhoben hat. Es hat tatsächlich die Kriegsliteratur keine einzige gute Arbeit über das Jüdische gezeitigt. Der deutsche Gelehrte mußte die Kriegsberichterstatter als Quelle benutzen, da er nicht auf bessere Unterlagen verwiesen worden war. Strack bringt in einem über 50 Seiten starken Büchlein 15Lesestücke: Zeitungsartikel, Aufrufe, Proben der schönen Literatur, Sprichwörter. Gegen die Verwendung der Zeitungsartikel als Lesestoff könnte man Bedenken erheben. Die Zeitungen werden bei keinem Volke in einer guten Sprache geschrieben. Am wenigsten vielleicht bei uns, wo das Teitschmerische und die Halbbildung immer noch die Zeitungssprache vergiften. Doch ist das StrackscheLesebuchkeineGrammatik. Es kam dem Verfasser nur darauf an, in interessanten, das Denken und Leben des Volkes schildernden Lesestücken die jüdische Sprache zu lehren. Ganz allgemein ist an die Transkription einer Sprache in fremden Schriftzeichen die Forderung zu stellen, daß sie auch im neuen Kleid ihr altes Gesicht behält. Der Transkriptor muß mit tunlichster Sorgfalt die Klänge wiedergeben. Handelt es sich um Sprachen mit mehr als einer anzuerkennenden Aussprache, so muß die Transkription so neutral gewählt werden, daß sie alle Aussprachen wiedergibt. Solche Sprache mit mehr als einer bei der Transkription zu berücksichtigenden Aussprache ist außer dem Jüdischen z. B. auch das Englische wie es in England und Amerika gesprochen wird. Vor Strack wurden schon oft Versuche gemacht, eine utraquistische Transkription des Jüdischen zu erreichen. Zuerst seien zwei aus den vielen Fehlgriffen erwähnt, welche leider zahlreiche Nachahmungen gefunden haben. In ihrer Sammlung jüdischer Lieder transkribierten Ginsburg und Marek jenen Laut, der in Litauen ej und in allen anderen Gegenden oj klingt, durch au (weil er meistens in germanischen Wörtern vorkommt, wo er dem deutschen au entspricht). In seiner umfangreichen Sammlung jüdischer Sprichwörter und Redensarten erdachte Ignaz Bernstein die Transkription des wüw, das in Litauen u, in anderen Gegenden i klingt, durch das ,,neutrale" ü. Andere Transkriptoren, die die Sammelwerke oft benutzen, ohne die erklärenden Vorworte zu lesen, haben leider von diesen Errungenschaften der Transkription einen reichlichen Gebrauch gemacht. Von der Kriegsliteratur sehe ich schon ganz ab, es ist selbstverständlich, daß sie schlecht ist. Aber sogar in den letzten Jahrgängen der „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde" finde ich keinen einzigen Transkriptor, der den jüdischen Klängen nicht ein au, oder ü, oder ö beigemengt hätte! Es ist kaum zu verwundern, wenn Strack die einzige überhaupt bisher erschienene wirklich gute und brauchbare utraquistische Transskription des Jüdischen unter der Fülle des Falschen übersehen hat — ich meine die von Salomo Birnbaum für die Freistatt geschaffene Umschreibung (besonders Freistatt I, 1913, S. 58, 200,412, 588). — Gute Transkrip-