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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 284

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Psychologie und Judentum [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
284 (sequence 2)
Language
German
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284 Bücherschau haben, durch ihre Methoden die menschliche Seele in ihrer ganzen Reinheit erforschen zu können. Allmählich ist man bescheidener geworden; Untersuchungen wie die von Toulouse*) an Emile Zola und Poincare dürften heutzutage unmöglich sein. Insbesondere ist es das Verdienst von William Stern, eines der eifrigsten und glänzendsten Vertreter der Experimental- und Individual-Psychologie in Deutschland, durch genaue Abgrenzung der Möglichkeit des Erforschbaren die „differentielle Psychologie" zur Wissenschaft erhoben zu haben. Die differentielle Psychologie hat die ersten Kinderkrankheiten überwunden, ist eine strenge Wissenschaft geworden, abhold jedem Dilettantismus, ihn vielleicht noch schärfer bekämpfend als andere Wissenschaften, weil er gerade auf ihrem Gebiete so überaus gefährlich ist. Jeder ,,gebildete" Mensch fühlt sich als Psychologe; und wer von Kindern eine Bildbeschretbung verlangt und analysiert, ist „Fachmann auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Psychologie". Man rufe sich diese Tatsachen ins Gedächtnis zurück, um unseren Protest nicht zu scharf zu finden, den wir gegen eine neuerdings erschienene Schrift: „Zur Psychologie christlicher und jüdischer Schüler"**) erheben müssen. Der Verfasser, Lehrer einer höheren Handelsschule, erwähnt gleich im Eingang seiner Schrift, daß er „des öfteren zu Urteilen über die spezifische Begabung***) und allgemeine Intelligenz der christlichen Schüler im Vergleich mit den jüdischen angeregt wurde", daß aber „derart gefällte allgemeine Urteile von anderer Seite lebhaft bestritten wurden". Es war daher naheliegend — so fährt er fort — auf Grund der dem Lehrer zur Verfügung stehenden Zeugnisse, schriftlichen Arbeiten und eventuell auf Grund durch geeignete Versuche erzielter Äußerungen der Schüler eine exakte Festlegung***) der psychologischen Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Schülern zu versuchen. (Er unternimmt ausgedehnte Zensurstati- *) Toulouse nahm an seinen Helden eine große Zahl von Sinnesprüfungen und ähnlichen Tests vor, füllte damit dicke Bücher, kam aber — wie Stern sehr richtig bemerkt — dem Wesenskern der beiden Individualitäten nicht viel näher. **) Dr. Ottokar Nemmecek: Zur Psychologie christlicher und jüdischer Schüler. Heft 128 der Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung. Langensalza 1916. ***) von mir gesperrt. stiken, läßt nach Binetschen Methoden Bilder beschreiben, denen sich Versuche über Wortreproduktion und Schreibgeschwindigkeit anschließen.) Das ist denn doch etwas stark: Durch Zensurenstatistiken und Versuche experimental-psychologischer Art — Versuche, von denen die wissenschaftliche Psychologie heut allgemein zugibt, daß sie nur in die Außenbezirke des menschlichen Seelenlebens einzudringen vermögen, will der Verfasser (man beachte jedes Wort) eine exakte Festlegung der psychologischen Unterschiede zwischen christlichen und jüdischen Schülern versuchen. In seiner Arbeit glaubte er scheinbar zu dieser exakten Festlegung ein wesentliches beigetragen zu haben. Doch er begnügt sich nicht damit, sondern wirft im letzten Kapitel die Frage auf: Welche psychischen Grundqualitäten bedingen die Unterschiede in den Leistungen der christlichen und der jüdischen Schüler? Eine erschöpfende*) Beantwortung dieser Frage — so meint er — würde eine vollständige Analyse der einzelnen Lehrfächer zur Voraussetzung haben. Er könne nur „die Hauptelemente hervorheben". Diese Worte besagen wohl genügend zur Charakterisierung dieser Schrift; mit einem Psychologen, der durch Zensurenstatistiken psychologische Experimente und vollständige Analyse der einzelnen Lehrfächer „die psychischen Grundqualitäten, die die verschiedenen Leistungen bedingen", feststellen will, ist keine Diskussion mehr möglich. Durch derartige Untersuchungen wird nur die Methode der experimentellen Psychologie diskreditiert. (Es sei auch noch erwähnt, daß der Verfasser in seiner Arbeit nicht im geringsten auf das soziale Milieu eingeht, dem die Schüler entstammen. Dies ist jedoch gerade für sein Problem von besonderer Bedeutung; denn es ist bekannt, daß der Prozentsatz der Juden an den höheren Schulen ein weit größerer ist, als ihr Anteil an der Bevölkerung — Ludwig Haas erzählte mir, daß in Polen die Hälfte aller jüdischen Kinder Mittelschulen besucht —. Dieser Umstand verlangt naturgemäß bei derartigen Untersuchungen eingehende Berücksichtigung.) Es sollen durch unsere Ausführungen Begabungsunterschiede zwischen christlichen und jüdischen Schülern natürlich nicht bestritten werden; wir sind vielmehr fest überzeugt, daß sie vorhanden, tiefmenschlich begründet sind; aber sie sind eben viel zu subtil, um sich durch solch äußerliche Methoden feststellen zu lassen. Unserer Ansichtjiach *) von mir gesperrt.

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