Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der "Hillelist"
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 276 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Bemerkungen weil er als „unästhetisch" betrachtet wird. Deshalb soll eine Kunstsprache, eine neutrale Sprache, die leicht erlernbar ist, geschaffen werden, das „Esperanto", die Sprache des „Hillelismus". Gelehrtenschrulle, phantastischer Traum eines Weltbeglückers, werden die weisen Kritiker sagen. Vielleicht, aber mehr noch ein Judenschicksal. Der Vaterlandslose, der Entwurzelte, der seines Volkes Bestand will, den Boden unter den Füßen entgleiten sieht, mit offenem Auge den Abgrund schaut und aus seinen Zweifeln und Fragen in die nebelhafte Sphäre einer kosmopolitischen Phanta?terei zu entrinnen sucht. Josef Meisl Saulus ,,Es ist nicht fein, daß man der Kinder Brot nehme und werfe es vor die Hunde". (Math. 15, 26; Marcus 7, 17) Das erste Viertel der Vierteljahrsschrift „Summa", deren Ziel „Anleitung zu einem lebendigen Wertempfinden" ist, gibt in den knappen aber entschiedenen Worten (unter dem Titel „Saulus") des christlichen Denkers Clemens Ritter auch eine Anleitung zu einem lebendigen Wertempfinden des toten Unwertes der neuen jüdischen Bewegung. Dies der Inhalt der Anleitung: Vom Standpunkt des Christen ist der Juden zweideutige Stellung, daß Gottes Sohn „unter" ihnen erschienen, und — Gottes Sohn von ihnen getötet worden ist. Ihre Größe ist eine außerzeitliche, ewige, als das Volk der Gebote, der Propheten, der Jungfrau Maria und das Volk, in dessen Sprache Christus lehrte. In der Zeit jedoch versagt das Volk der Juden als Volk. In der Zeit geschieht ihr Fall. „. . . das Entscheidende liegt aber darin, daß nicht Petrus der Repräsentant und Judas der Einzelne ist, sondern umgekehrt: im Judas verrät die Welt Gott". „Die von Christus vor hergesagte Zerstörung Jerusalems" ist das Sinnbild des Falles der Juden, „...die Juden der Wirklichkeit, als die Nachkommen der Mörder und als die verstockten Leugner des Gottessohnes, in tiefster Verachtung, als die mit der absolut größten Weltschuld Beiadenen.......Das jüdische Volk als solches ist gerichtet." Während so Christen und Juden durch diese unendliche Kluft getrennt waren, hat in den letzten hundert Jahren da sChristentum eine Erkaltung erfahren und seine Grundanschauungen wurden durch „heidnisch-menschenfreundliche" ersetzt, während die Juden ihrerseits „in rührender Scham", wenn auch unredlich, ihr Judentum zu einer bloßen Konfession degradierten. Kultur eint Juden und Christen. Dieser Zustand ist religiös unhaltbar. Entweder muß Erwachen des Christentums kommen, mit einer Spitze gegen das Judentum, oder Erwachen des Judentums. Eine Proklamation der Juden zur Selbstbesinnung müßte die Form haben: „Unentwegt und unangefochten durch die scheinbaren Siege des Christentums im Abendlande, erheben wir, das auserwählte Volk des Herrn, nun, am Sterbebette des christlichen Glaubens, unser lange gedemütigtes Haupt und bekennen uns zu Jahwe als dem einzig wahren Gott, welcher unsere Feinde durch ihr eigen Schwert hat umkommen lassen. Allzu lange hat der messianische Betrug gewährt, aber nun läßt uns Jahwe wieder in Kraft erstehen. Der Herr wird seine Verheißung an uns nicht lassen zu Schanden werden, und mit erneuter Inbrunst hoffen wir des wahren Messias. Einst hat er uns aus Ägypten, aus dem Diensthause geführt, nun hat er uns stark gemacht, selbst in das Land unserer Väter zurückzukehren, aus allzu langem, nun doch geendetem Exil/' Das wäre jüdisch gesprochen, und Neid ergriffe die Völker Europas, Schauder vor der verstockten Bosheit ergriffe den wahren Christen. Nun, es entsteht in dieser Zeit eine jüdische Bewegung, ein jüdisches Selbstbewußtsein. Aber sie hat nicht das Achtunggebietende, daß sie ihre Sache auf ihren Gott stellt und frei gegen den ,messianischen Betrug* auftritt. Nein, den »heutigen Erneuerern des Judentums ist es „nur der große Schriftsteller David"; sie „loben nur die großen Worte, prächtigen Bilde, und wenn es hoch kommt, die, Ideen*" an ihren Propheten. „Nichts mehr verbinde sie (untereinander und mit der großen Vergangenheit) in Wirklichkeit als ihre Abstammung, sagen sie." Diese neue Bewegung „ist nicht einmal so jüdisch", Stellung gegen das Christentum, als messianischen Betrug, zu nehmen, weil ihr die jüdische Religiosität keine Gegenwart ist. Und dennoch wagt es die neue jüdische Bewegung, Christus zu betrachten. Aber während die alten Juden Christus ernst nahmen, denn sie haben ihn im Ernst ans Kreuz geheftet, nehmen ihn die raffinierten Neuen nicht für voll, sondern sagen: „Er ist ein frommer Mann gewesen, der letzte Ausläufer des prophetischen Judentums, eine verehrungswürdige Erscheinung; nur seine Idee, daß er