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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 275

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Der "Hillelist"
Date
1917-01-01
Page
275 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 275 Choveve-Zion-Vereinigung in Warschau war, auch literarisch trat er mit seinen eigenartigen Ansichten über das Judenproblem hervor. In etlichen Glossen im „Woschod" und in einer russisch geschriebenen Broschüre „Über den Hillelismus" (0 Gillelismje 1901) finden wir den Niederschlag seines Standpunkts. Solange die Menschen und vor allem die Juden gläubig waren, so führt er aus, war die Beantwortung der Frage der Existenzberechtigung der Juden nicht schwierig. Sie lebten als Bekenner einer Religion, eines Glaubens und duldeten im Namen der Gerechtigkeit. Mit der Emanzipation, die den „Franzosen, Deutschen, Polen mosaischen Glaubens" schuf, änderte sich das Bild. Jenen Juden, die sich da brüsten: „unser Polen, unsere polnische Sprache, unsere polnischen Namen", könnte von ihren nichtjüdischen Gegnern entgegengehalten werden, daß in Wahrheit die Juden doch ein eigenes Volk bilden, daß sie mit den Polen nichts gemein haben, daß ihr eigentliches Vaterland Palästina ist. Sie lernen die polnische Sprache nur als Maske für die Außenwelt, ihre wahre Sprache ist der „Jargon", den die ungebildeten Juden sprechen und auch ihre Nachkommen behalten, soweit nicht ihre Vermögenslage ihnen gestattet, sich höheren Berufen zuzuwenden. Die wahren jüdischen Namen sind Moses und Isaak, doch die Juden geben ihnen ein Gewand, damit man sie von den allgemeinen Namen nicht unterscheide. Auch die Formel „Bekenner des mosaischen Glaubens" ist unaufrichtig. Diese Juden glauben tatsächlich an nichts, sie erkennen das „mosaische Gesetz" nicht an, und wenn ihre Kinder sie etwa fragen würden: „Wenn wir eine Religion, die jüdische Religion, sind, warum lehrt ihr uns nicht diese Religion und ihre Gebote, warum führt ihr uns in die Synagogen, wo wir die Sprache der Gebete nicht verstehen, warum wissen wir nichts von den jüdischen Sitten?" — sie könnten keine Antwort geben. „Polen mosaischer Konfession" ist ungefähr so als wenn man von „dem Schneider einer Schusterwerkstatt" sprechen würde. So sind diese Juden wurzellos, stürzen sich von einem Lager ins andere, bis sie früher oder später nach langem,schweren Seelenkampfe einenAusweg in der Änderung des »Glaubens" entgegen der eigenen Überzeugung suchen. Wir mögen uns durch das Band der Religion verknüpft fühlen, fast jeder Jude trägt doch den Riß im Herzen und lebt, wenn er sich dessen inne wird, in bewußtem Betrüge. Aber auch der Zionismus, meint Zamenhof, sei widerspruchsvoll, eine unausführbare Utopie. Einmal weil die hebräische Sprache nicht lebendig sei und längst vergessen wäre, hätten wir nicht eine Religion. Die polnischen und russischen Juden hätten wohl eine vollkommene Sprache, den „Jargon", die, wenn sie für alle Zukunft bestehen bleiben könnte, die Berechtigung, die Juden als reales und nicht allein als fiktives Volk anzusehen, begründen würde. Sodann irre der Zionismus in seiner Auffassung des Nationalgefühls. Wir hätten weder mit den Juden anderer Länder noch mit Palästina mehr gemeinsam als die Religion. Deshalb fühlten sich auch die polnischen und russichen Juden ganz natürlich lediglich mit ihrem Geburtslande und mit ihrer wahren Sprache, dem „Jargon", verknüpft. Zamenhof verwahrt sich, als Gegner des „Jargon" angesehen zu werden. Denn lange noch bevor es eine Jargonliteratur gab, als die j üdische Intelligenz noch mit Verachtung auf die Volksmundart blickte, habe er diese Sprache wissenschaftlich zu ergründen und eine Grammatik zu ihrer Belebung und Neugestaltung edieren wollen, sei aber durch die Interesselosigkeit der jüdischen Kreise, welche an eine Lösung des Judenproblems durch den „Jargon" nicht glaubten, an seinem Vorhaben verhindert worden. Das wahre Unglück des Judentums besteht aber nach Zamenhof nicht in seiner politischen Lage, sondern in der Eigenart seiner Religion. Von allen monotheistischen oder heidnischen Religionen ist sie die einzige, die an eine Nationalität geknüpft ist. Auch jene können wohl mit Nationen verbunden sein, aber sie sind doch Allgemeingut. Nur das Judentum macht eine Ausnahme. Beschränkt auf den reinen Monotheismus, hätte es sich die Welt erobern können. Aber da es zum „Judaismus" wurde, verdammte es sich selbst und seine Bekenner zogen in die Verbannung, ins „Galuth". Die Juden vermochten sich mit den anderen nicht zu verständigen, aber sie verstanden auch die anderen nicht. Das Heil liegt in der Rückkehr zum reinen Monotheismus, dem „Hillelismus", der in reinster Gestalt von Moses und den Propheten verkündet wurde. Die Grundsätze dieser Religion sind: an ein höchstes Wesen, an Gott glauben, nur auf die Stimme des Gewissens hören, den Nächsten wie sich selbst lieben und ihm das tun, was man sich selbst wünscht, keine Handlungen begehen, von denen man nach seiner inneren Stimme annehmen darf,.daß sie nicht gottgefällig sind. Die Gemeinschaft, die nach diesen Grundsätzen lebt, muß eine Sprache erhalten. Das Hebräische kann es nicht sein, weil es nicht lebendig ist, der „Jargon" aber ebensowenig,

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