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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 228

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Nation und Partei
Date
1917-01-01
Page
228 (sequence 1)
Language
German
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228 Moritz Bileski: NATION UND PARTEI (Zur Theorie der zionistischen Politik) Der Zionismus ist eine politische Bewegung. Mit diesem richtigen Satze sind schon oft falsche Begründungen oder Folgerungen verbunden worden: indem man bestrebt war, ihm besonders gerecht zu werden, sich dabei jedoch mehr an die gewohnten politischen Verhältnisse der Umgebung als an die neue, in ihrer Besonderheit noch nicht genügend gewürdigte politische Kraft des Judentums hielt, entstanden Irrtümer in der politischen Betrachtung. Wenn auf dem Delegiertentag der deutschen Zionisten versucht wurde, die politische Natur des Zionismus dadurch zu schützen, daß man, wie schon früher, vor einer Gefährdung des Parteicharakters warnte und eine Entwicklung zur Sekte besorgt in Gegensatz stellte, so zeigt sich hierin ein solcher Denkfehler, der schon seit langem und oft ausgesprochen, aber offenbar doch noch nicht gänzlich erledigt ist. Es ist unrichtig, den Begriff der Partei in die politische Beurteilung zionistischer Vorgänge und Forderungen hinüberzuholen. Der gesamte Inhalt der zionistischen Politik muß sich heute darin erschöpfen, das jüdische Volk aufzubauen. Die nationale Forderung ist ganz rein, ohne Beimischungen anderer Art gegeben. Gerade weil die Nation erst errichtet werden soll, muß sie allein, ohne Einschränkung durch Gedanken, die aus anderen Interessenkreisen stammen, Gegenstand der Politik sein. Es besteht das merkwürdige Verhältnis, daß eben die Unfertigkeit, die Existenzmängel der Nation einen ausschließlichen Anspruch auf Geltung als politischer Inhalt rechtfertigen. Die Merkwürdigkeit des Verhältnisses1 wird durch die Umkehrung klar: die Nation findet die Erfüllung ihres Wesens erst, wenn sie aufgerichtet ist. Mit diesem Zeitpunkt aber werden Stoffgebiete anderer Art (z. B. religiöser, wirtschaftlicher)" als Gegenstände der Politik auftreten und bestimmend wirken. Offenbar zeigt sich hier das Wesen der Nation: sie ist Form und kann daher selbst eine Aufgabe darstellen, solange sie gebildet wird; ist sie aber geschaffen, so braucht sie, um ihr Wesen zu zeigen, andere Inhalte. Unser Werk kann heute allein darauf gerichtet sein, die Form herzustellen. Dann können wir aber den Begriff der Partei nicht für uns gebrauchen; oder wir dürfen ihn doch nur in einem sehr eingeschränkten Sinne anwenden, der es nicht gestattet, landläufige Folgerungen auf unsere Verhältnisse zu übertragen. Denn die Partei setzt die Erledigung unserer Aufgabe schon voraus. Ihre Existenz gilt niemals allein der Nation oder der ganzen Nation. Sie enthält immer Sonderinteressen, die mit dem nationalen Leben als solchem gedanklich nicht notwendig verbunden sind. Entweder sind sie nur für eine Gruppe in der Nation von Bedeutung oder sie führen zur Verbindung eines Teiles mit den Vertretern gleicher, das nationale Element nicht berührender Gedanken bei anderen Nationen. Immer ist mit dem Parteibegriff die Vorstellung einer Schichtung der Nation verbunden. Die Partei ist schon bestimmten Inhalten gewidmet, die mit dem Begriff der Nation, der Form, in welche die Inhalte eingehen, nichts zu tun haben. Für uns ist daher nur ein Parteibegriff in übertragenem Sinne zu gebrauchen, der sich mit den üblichen Vorstellungen nicht deckt. Die Existenz von Parteien ist bei uns nur insofern begründet, als Meinungsverschiedenheiten über das Ver-

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