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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 209

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Das intelligente Volk
Date
1917-01-01
Page
209 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen der Donau oder Moldau etwa nach dem hübschen Gemälde von Bendemann. Denn der ruthenische Bauer hatte es leicht, sympathisch zu wirken: seine edle Einfalt war weiter nichts als Hilflosigkeit, Einfalt der Hirnrinde*). Der Jude aber hatte seinen Verstand. Und so fing er zu handeln an und handelte. Er war in einen reißenden Strom geraten, er schlug um sich und suchte zu erraffen, was sich erraffen ließ, um Boden unter seinen Füßen zu bekommen. Die Welt war aus den Fugen, das Gesetz in Trümmern, es galt, sich zu retten, sich, Frau, Kinder, Eltern und Schwiegereltern und was alles sonst zu einer weitverzweigten ostjüdischen Familie gehört. Er schacherte in der Fremde an den Ufern der Donau oder Moldau und er schacherte im Kriegsgebiet im Kugelregen zwischen den Trümmern seines Hauses. Und so ist es heute noch. Es ist kein vorteilhaftes Bild. Viele Taschentücher einer genußbereiten Sentimentalität sind trocken geblieben und mußten wieder in die Tasche wandern. Und vieler gute Wille unserer Stammesbrüder aus dem Westen kam über manches nicht hinweg, das sich seinen Blicken darbot, denn er fand den Schlüssel nicht. Das ist der Lösungsrest am Problem des intelligenten Volkes. Intelligenz ist etwas durchaus Unsentimentales. Aber, betonen wir dies: sie ist etwas durchaus Gutes und Wünschenswertes. Denn der Intellekt, Diener des Willens, ist nicht nur Werkzeug seiner Handlungen**), sondern auch sein Kundschafterinder Außenwelt, der ihm die Motive heranbringt. Und ein fruchtbarer und tätiger Geist, der seinen Weg zu Gott nehmen will, braucht ihn als Licht in der Wirrnis der Welt. Denn *) Ich hoffe, niemand wird mir dies als Herabsetzung des ruthenischen Bauern, die mir fernliegt, auslegen. **) Hier ist Gelegenheit gegeben, eine Stelle in meiner Bemerkung „Modernität und Primitivität* * Heft 10 richtigzustellen, die zur mißverständlichen Ansicht Anlaß geben könnte, als hätte ich vom Standpunkte des Strebens im Geiste die Minderwertigkeit des intellektuellen Menschen behauptet. Sie steht S. 703, rechte Spalte, Zeile 25 und heißt: „Es gehörte nur eine andere Geistesrichtung dazu, um dem latenten Intellekt die Alleinherrschaft?u gewähren." Der zweite Teil dieses Satzes ist mir in dieser Form entschlüpft und ist ein Unding: Herrscher ist allein der Wille. Es sollte heißen: „, . . um den latenten Intellekt als Werkzeug zu solchen Zwecken zu gebrauchen." Heft 3. die Einfältigen des guten Willens sind wie eine Herde Lämmer und die Welt der reißende Wolf, der in sie eingebrochen ist. Wir aber wollen uns wehren und den Verstand gebrauchen als unsere gute Waffe. Darum, wie er gesagt hat, den wir unter unseren Lehrern nennen können: „Seid sanftmütig wie die Tauben und klug wie die Schlangen". Markus Reiner Christlich und christlich, jüdisch und jüdisch Gustav Landauers Bemerkung, die diesen Titel trägt („ Der Jude", Heft 12), hält mir vor, ich hätte in meinem Essai „Franz Werfeis Christliche Sendung" Judentum und Christentum unter ungleichen Bedingungen einander entgegengestellt, nämlich^ein Judentum, wie es nicht ist, sondern sein soll, gegen ein „zur Scholastik gewordenes Kirchentum", mithin nicht gegen das wahre, seinsollende, seinem eigenen Wesen entsprechende Christentum. Meine Ansichten über Judentum und Christentum kürzer fassen als in ein Buch, an dem ich nun seit mehreren Jahren arbeite: das ist mir unmöglich. Jeder Versuch einer Explikation käme doch nur auf oberflächliches Parlieren heraus. So kann ich nur versichern (und wer mir glaubt, glaubt mir), daß ich, soweit der Stand meiner Kenntnisse es zuläßt, das optimale Judentum nicht gegen ein Zerrbild des Christentums, sondern gerade gegen das seiner immanenten Norm allergetreueste optimale Christentum stelle. Beide, wie sie sein sollen, — keines, wie es historisch geworden, gesunken ist. Richtig ist, daß ich nicht die entarteten Erscheinungen des heutigen Judentums meine, wenn ich „Judentum" sage. Aber ebensowenig meine ich das heutige schlachtfeldsegnende Christentum oder eine sonstige Verfallsstation seiner Geschichte. Sondern ich bemühe mich, das reine Christentum des Paulus, Augustinus, Luther u. a. als Vergleichsmaterie festzuhalten. — Daß ich allerdings auch dieses optimale Christentum nicht mit Landauer als einen „Weg jüdischen Geistes durch die Völker der Erde", sondern als eine Abirrung von diesem Wege ansehe, verträgt sich sehr wohl mit meiner starken Wertschätzung des Christlichen als einer ganz hohen, wenn auch nicht letzten und höchsten Anspannung der Menschenseele. Max Brod 14

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