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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Das intelligente Volk
Date
1917-01-01
Page
208 (sequence 2)
Language
German
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208 Bemerkungen junge hat unter seinen Großvätern nicht zumindest einen Talmudisten!) verlangen kann, daß er in der Pause zwischen zwei Lehrstunden eine deutsche Hausarbeit über „Die rückkehrende Schwalbe, ein Bild treuer Vaterlandsliebe" verfertigt oder einige Gleichungen zweiten Grades auflöst. Ist nun die Tatsache und ihr Grund feststehend genug, so ist doch ihre Wertung höchst problematisch geworden. Zwar nicht in unserem Volke, wo jeder Vater entzückt war und ist, wenn man seinen Sohn „a klig Jingel" nennt und wo ,,a jidischer Kop" nichts anderes ist als ein kluger Kopf. Anders aber in der Welt, in der man die Wertmaßstäbe macht und Wertungen umwertet. Nach dem Siege eines entgeistigten Willens, der sich zur Durchsetzung seiner niedrigen Zwecke*) neben der Gewalt auch des Intellekts als seines Hauptwerkzeuges bediente, war es wohl begreiflich, wenn bei den Gutgesinnten eine Stimmung entstand, der am besten (um eine jüdische Stimme reden zu lassen) das Paradox des Rabbi Jeschuah aus Nazaroth Ausdruck verleiht: „Selig sind die Armen am Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich". Jedoch meinte er damit ersichtlich: „Auch dem Einfältigsten steht die Himmeispforte offen, wenn er guten Willens ist — glaubet nicht, ihr Weisen und Gelehrten, daß eure Gelehrsamkeit zur Seligkeit genügt." Nicht aber wollte er etwa das Paradies der Nur - Dummköpfe proklamieren. Trotzdem haben wir dies von mancherlei Romantik schon mehrfach erlebt — als Reaktion gegen den Wahn der alleinseligmachenden Wissenschaft. Aber ich glaube, Schopenhauer hat die ganze Angelegenheit ein für allemal begrifflich geklärt, indem er die ethische Wertung als einzig auf die Sphäre des Willens anwendbar und den Intellekt als das ethisch neutrale Instrument desselben darlegte. Und damit ist die Frage gelöst, und zwar mit jener Entscheidung, welche die meisten Problemlösungen herbeiführen: daß nämlich die ganze Fragestellung schief war und daß beide Teile unrecht haben. Der bösartige Dummkopf ist ein nur zu bekannter Typus — anderseits findet man aber auch Verbrecher mit intellektuellen Kräften aller Grade; der gütige Weise ist gerade in unserem Volke häufig *) Ich meine hier nicht gerade den Weltkrieg; wenn der Setzer aber in meiner Glosse „Modernität und Primitivität" Heft 10 aus einem „technischen Utilitarismus" einen „technischen Militarismus" machte, so kann ich auch nichts dagegen einwenden. genug — anderseits wird etwa Perez nicht müde, die seelengute jüdische Einfalt immer wieder zu schildern. Ist nun der Intellekt als ethisch neutral bezeichnet worden, so ist die Frage der Wertung damit wohl im Prinzip geklärt, aber doch nicht erschöpft. Man muß zugeben: der intelligente Durchschnittsmensch erscheint häufiger unsympathisch als der einfältige. Das kommt wohl daher, daß die Intelligenz eine Kraft ist, und zwar eine in konzentriertester Form, wie etwa ein Explosivstoff. Und so wird man manchmal einer Ansammlung intelligenter Menschen gegenüber ein Gefühl haben, wie jenes, das die Nähe einer Kiste Ekrasit einflößt. Der bösartige Dummkopf ist im Grunde doch ungefährlich, eben weil er ein Dummkopf ist; aber der Intellekt muß durch einen gei st erfüllten Willen regiert werden. Wehe, wenn der Wille, der über intellektuelle Kräfte verfügt, jene Bindung und Richtung verliert, die ihm ein zielsetzender Geist gibt, und seinen selbstischen Zwecken überlassen wird. Er wird wie ein Ertrinkender um sich schlagen. Das jüdische Volk ist das intelligente Volk kat exochen. Aber sein Geist setzte seinem Willen Bindungen auf Bindungen und richtete ihn auf Gott. Er bediente sich des Intellekts, um mit dem größten Scharfsinn. Zaun um Zaun aufzustellen und ja keine Lücke zu lassen. Alles, was an religiösen Neuschöpfungen entstand (vom Urchristentum bis zum Chassidismus), gab „nicht den kleinsten Buchstaben vom Gesetze" und allen seinen späteren Verschärfungen auf, sondern fügte neue hinein. Bis daß der Weltkrieg kam und ein anderes Gesetz. Ein Gesetz, dessen Sinn kein talmudgeübter Scharfsinn enträtseln, und ein Geschehen, dessen Ziel er nicht erkennen konnte. Die Zäune wurden niedergetreten und die Bindungen rissen. Und das Gottesziel verdunkelte hinter einer Wolke von Rauch und Blut. In dieser Situation fand man einen Großteil des jüdischen Volkes, als Flüchtling in der Fremde oder in der Heimat zwischen den Trümmern seines Hauses umherirrend. Und es wirkte sehr häufig nicht sympathisch. Es trug sein Schicksal nicht mit der stumpfen Ergebenheit des ruthenischen Bauern, der mit ihm zugleich nach dem Westen wanderte oder im Geschützbereiche sich verkroch. Es zeigte keine „stille Größe und edle Einfalt", die man wohlwollenderweise von ihm erwartet und in der es sich so vorteilhaft repräsentiert hätte, und stellte kein lebendes Bild von trauernden Juden an den Ufern

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