Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Logik und Realpolitik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 203 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen 203 und nicht die „Realpolitik" als Argument benutzt, um die Sache der Gerechtigkeit zu vergewaltigen. Denn in der Tat: weiter ist nichts nötig, um den polnischen Juden ihr volles Recht zu gewähren, als in der logischen Überlegung konsequent und in der politischen Argumentation aufrichtig zu sein. Dies nochmals gezeigt zu haben, ist der vornehmste Wert, den die Gotheinsche Schrift — sachlich uns fast nichts Neues besagend — für uns und unsere Sache besitzt. Konsequent und aufrichtig zu sein, ist in anderen Fragen selbstverständliche Voraussetzung, die nicht der Hervorhebung bedarf. Aber es ist dies mit ein Kennzeichen unserer tragischen Lage: daß, was sonst selbstverständlich ist, bei uns schon beinahe ein Verdienst darstellt. Wir sind so sehr daran gewöhnt, verkannt, mißverstanden und entrechtet zu werden, daß es uns schon wohltuende Befriedigung gewährt, wenn einer nichts weiter tut, als uns unser Recht zuteil werden zu lassen; daß Herr Gothein dies getan hat, sichert ihm den Dank all derer, die in der polnischen Judenfrage für das Recht und die Zukunft des Judentums streiten. Amitai Prozeß Kranz Der große Prozeß, der wochenlang das österreichische Publikum in Spannung hielt, gilt überall, ausgesprochen oder unausgesprochen, als jüdische Angelegenheit. Ein paar Juden, in der Gesellschaft hochangesehen, machen mit der Heeresverwaltung und den Ministerien Geschäfte, leisten dem Staat große Dienste und benützen die Gelegenheit, um großen Gewinn zu erzielen; die Sache wird „aufgedeckt", unter Fanfaren vor die Öffentlichkeit gezerrt, der Prozeß nach allen Regeln der Regiekunst inszeniert, die Juden wegen „Preistreiberei* * verurteilt und der Entrüstung des Volkes hingeworfen. Das Volk hungert ja und will sein Opfer haben. Man hat es stets bereut: aus gewissen Zeitungsspalten raunt es und zieht sich in langgezogenem Echo durch das Volk, das Gemunkel: die Juden . . . Die Juden aber haben mit diesen „Juden" sehr wenig zu tun. Nicht etwa, daß wir uns ihrer entledigen, von ihnen abrücken wollen, weil sie verurteilt sind, Verbrecher, gebrandmarkt durch den Ausspruch des Richters, auf die wir nun in fadenscheiniger Selbstgenügsamkeit herabsehen; sondern weil sie in Wahrheit nie zu uns gehört haben, verlorene Söhne eines unglücklichen Volkes, die ihr Volk und ihren Gott verrieten und verkauften. Nicht weil sie Juden waren, handelten sie so, sondern weil sie von der Krankheit des Ehrgeizes nach dem Fremden ergriffen waren, der sie in die Gesellschaft führte, die sie jetzt verstieß; nach dem Gesetz dieser Gesellschaft haben sie gelebt und gehandelt, all ihre einstige „Größe" wurzelte in ihr und ihr Verbrechen wurzelt in ihr. Vor dem Forum unseres Volkes waren sie längst verurteilt. Aber wie durfte sie das Gericht verurteilen, das im Namen dieser Gesellschaft, dieses Staates, Recht zu sprechen hat? Wie konnte man bestimmte Personen aussuchen und ihnen das Laster zum Verbrechen anrechnen, auf dem die ganze Gesellschaftsordnung ruht? Der imperialistische Staat braucht den Kapitalismus, er selber ist der Erzieher zu der Gesinnung, die das Menschliche im Menschen verdirbt. Das Gewissen, da es nur mehr mit dem positiven Gesetz des Staates zu tun und sich dessen Änderungen anzupassen hat, erlahmt bald, wird dehnbar, und übersieht leicht den kleinen Schrittüber die festgesetzte Grenze, jenseits deren das „Vergehen" beginnt. Es kommt ja nur auf eine gewisse Geschicklichkeit an, und alle sind sich darüber einig, daß es höchste Tugend sei — innerhalb der erlaubten Grenzen natürlich immer —, den höchsten Profit für die eigene Tasche herauszuschlagen. Diese Idee schwebt als stillschweigende Übereinkunft über der modernen Gesellschaft; schon in der Schule sucht man immer mehr das „Praktische", was man „fürs Leben braucht", in den Vordergrund zu rücken; alles was für das materielle Fortkommen von Bedeutung ist, erhält die höhere Weihe der bürgerlichen Zustimmung. Was nur einen jungen Menschen leiten soll, daß er voll Ehrfurcht das heilige Gesetz des Lebens ahne, daß er Größe und Wahrheit erkenne, — das gilt als müßige Belastung. Er soll ein nützlicher Bürger werden: da kommt es nur darauf an, daß er verstehen lerne, das Leben sich nutzbar zu machen. Kurz: Geld zu verdienen. Die Ausschließlichkeit dieses Zieles hat man den Menschen eingebläut; ihm gilt das traurige Leben des Bürgers. Er muß gar nicht eine für die Gesamtheit irgendwie nutzbringende wirtschaftliche Tätigkeit ausüben; jüngst hat z. B. Walther Rathenau („Von kommenden Dingen") wieder darauf hingewiesen, wie viele Parasiten die Wirtschaftsordnung aufweist, von den Reisenden bis zu den Rentiers und den drei gleichartigen Geschäften (z. B. Zigarrenläden) in einer Gasse nebeneinander. Jedermann hat eben nur für sich zu sorgen; wie er es tut, ist seine Sache. Geld verdienen: in diesen Ideenkreis sind die Seelen festgebannt. Ein Sohn ist dann „wohl-