Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Logik und Realpolitik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 202 (sequence 2)
- Language
- German
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202 Bemerkungen Das Nationalitätenprinzip, die Forderung des Schutzes der nationalen Minorität, ist heute beinahe schon politischer Gemeinplatz geworden, so sehr Gemeinplatz, daß er bereits in allen Noten und Erklärungen der europäischen Regierungen ständig wiederkehrt* Nehmen wir ihn aber für die Lösung der polnischen Judenfrage in Anspruch, so begegnen wir erbitterter Gegnerschaft und verständnisloser Ablehnung. Was für alle anderen als logisch und politisch selbstverständlich anerkannt wird, müssen wir als auch für uns gültig erst mühevoll beweisen. Als Beispiel aus jüngster Zeit sei nur an den Aufsatz des Freiherrn von Rechenberg im „Berliner Tageblatt" erinnert, der in einleuchtender Argumentation die Notwendigkeit der nationalkulturellen Entwicklungsfreiheit für alle nationalen Minoritäten in Polen darlegt, mit einem plötzlichen logischen Saltomortale aber dann erklärt, die polnischen Juden könnten keine nationalen Rechte beanspruchen, denn sie seien keine Nation. (Die Logik dieses Gedankenganges ist ergötzlich: man geht im Hauptsatze von einer Voraussetzung aus, die man im Nebensatze willkürlich als Behauptung dekretiert.) Es ist tatsächlich so; wo die Judenfrage anhebt, hört die Logik auf. Weil es so ist, hat eine Schrift bereits Anspruch auf Lob, die in den Abschnitten, welche der polnischen Judenfrage gewidmet sind, nichts anderes im Grunde tut, als die Logik auch für sie gelten zu lassen.*) Man kann Gothein nicht als besonderen Kenner der polnischen Judenheit ansprechen; was er im Kapitel über die „Juden in Polen" sagt, zeugt auch nur von einem geringen Verständnis für ihre tiefere Wesensart und ihre inneren Werte. Aber dies stellt keinen Mangel dieses Buches dar, das rein politisch sein will und sich ganz im Aktuellen, Realpolitischen und ökonomischen bewegt. Im Gegenteil; die entschiedene Forderung national-kultureller Rechte auch für die polnischen Juden durch Gothein gewinnt dadurch noch an Gewicht, weil sie nicht aus einer besonderen Vorliebe und Sympathie für die polnische Judenheit erwächst, sondern sich als die naturgemäße Folgerung aus sonst allgemein anerkannten politischen Grundsätzen ergibt. Gotheins Buch zeigt, daß man nichts weiter als logisch, konsequent und einigermaßen aufrichtig zu sein braucht, um zum Standpunkte der na- *) Georg Gothein, M.d.R„ Das selbständige Polen als Nationalitätenstaat. Stuttgart und Berlin. Deutsche Verlags-Anstalt. tionalkulturellen Rechte für die Juden in Polen zu gelangen; und politischen Forderungen kann man kein stärkeres Gewicht verleihen, als indem man sie als selbstverständliche und logische Gemeinplätze erweist. Noch ein anderes zeigt das Buch und es sei ihm als Verdienst angerechnet: daß man weder Ideologe noch utopischer Idealist zu sein braucht, um für die polnischen Juden nationale Rechte zu fordern. Dies ist bekanntlich der andere Standpunkt, gegen den wir ebenso unablässig ankämpfen müssen wie gegen den Mangel an Logik: der Standpunkt der Realpolitik. Wir kennen ihn ja zur Genüge aus der Geschichte unserer nationalen Bewegung: diesen „realpolitischen" Standpunkt der Superklugen, die mit überlegenem Lächeln uns als die Phantasten und Ideologen abzutun vermeinen. Dieser realpolitische Standpunkt, mit dem man noch immer die Idee hat ertöten, den Geist hat erdrosseln wollen, die Weisheit der Politik als der „Kunst des Möglichen", die nicht weiß, daß das Unmögliche, das Ideal, noch immer die stärkste treibende Kraft aller wahren, großen Politik gewesen ist. Erst jüngst wieder hat einer der realpolitischen Führer des deutschen Judentums, Dr. Paul Nathan, uns diesen Vorwurf mangelnder realpolitischer Erwägung entgegengeschleudert (an derselben Stelle, an der unmittelbar vorher Freiherr von Rechenberg seine logischen Saltomortales vollführte) und klipp und klar bewiesen, daß die Erteilung nationaler Rechte für die polnischen Juden politisch einfach undurchführbar sei. Demgegenüber verweist man doppelt gern auf die Gotheinsehe Schrift, die wirklich nichts als realpolitisch sein will und gerade aus realpolitischen Gesichtspunkten nationale Rechte für die Juden in Polen fordert. Man kann Gothein wirklich nicht nachsagen, daß er in seiner Stellungnahme zur polnischen Judenfrage Ideologe sei. Ein Satz wie der: „Wäre der Gedanke des vollständigen Auf gehens der jüdischen in der polnischen Bevölkerung, die Assimilation, aussichtsreich, so würde dieser Weg im Kulturinteresse vorzuziehen sein" (Seite 51) bezeugt, daß hier keiner spricht, der in seiner Auffassung der jüdischen Frage irgendwelchem „utopischen Idealismus" und „verbohrten Doktrinismus" huldigte. Herr Gothein denkt, wägt, spricht nur als deutscher Realpolitiker und fordert dennoch nationale Rechte für die Juden und hält ihre Erteilung für möglich, mehr, für unerläßlich im Interesse einer gesunden Entwicklung des polnischen Staatswesens. Weil er als Realpolitiker eben konsequent und aufrichtig ist