Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 186

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Rechtsstellung und innere Verfassung der Juden in Polen
Date
1917-01-01
Page
186 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101129-3102042--1446-3102116
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

i86 Eduard Bernstein: In Strafsachen ist in allen Fällen ausschließlich das Wojewoden-Gericht kompetent, unter freier Berufung an das Hofgericht. D. Philanthropie und Erziehung. Es ist ein schönes Blatt in der Kulturgeschichte der polnischen Judenschaft, diese nach innen gerichtete Funktion der jüdischen Gemeinde. Hier konnte sich die Tendenz des jüdischen Volksgeistes voll und ganz ausleben, hier konnte die jüdische Eigenart nach immanenten Gesetzen für die soziale Gesinnung Ausdrucksformen schaffen, ungehemmt durch Einflüsse von außen. Da bedurfte es auch keines Zwanges und keiner Strafen, spontan und freiwillig erstehen da innerhalb der Gemeinde kleinere soziale Verbände, allerlei Chewröt, Vereine zumeist philanthropischer und religiöser Natur, an ihrer Spitze die Chewräh kadischä, daneben auch Zunftverbände — ganz nach Art der christlichen Zünfte — auf religiösem Hintergrunde (die Zunft hat einen eigenen Maggld „Prediger und Lehrer**) — und in allen offenbart sich als leitendes Motiv das Streben nach höheren Formen des Daseins, nach Befreiung von den moralisch, nicht minder als materiell, drückenden Fesseln des Alltagskampfes, nach Pflege veredelnder Geselligkeit, und vor allem nach sozial-ethischer und geistiger Betätigung. Hier erblühen allerlei charitative Einrichtungen, wie Armen- und Krankenpflegeanstalten und — last not least — ein Schulwesen, das von der untersten Stufe des elementaren Cheder bis zur Stätte der akademischen Gelehrsamkeit, der Jeschlwäh im Geiste einer tausendjährigen Überlieferung systematisch aufgebaut ist und das unter den Zeitgenossen schon begeisterte Schilderer fand*). Im einzelnen auf diese Lichtseite der Kulturgeschichte der polnischen Judenschaft einzugehen, würde allzu sehr den Rahmen diese** Abhandlung erweitern. In den Grundzügen unverändert bestehen die meisten dieser Institutionen, auch die des Schulwesens in denjJudengemeinden Polens und Litauens bis auf den heutigen Tag. z. Zt. Baden bei Wien Prof. Moses Schorr WIE ICH ALS JUDE IN DER DIASPORA AUFWUCHS Die Stellungnahme der Menschen zu irgendwelchen Streitfragen [wird gewöhnlich durch eine Vielheit von Triebkräften verursacht, von denen ihnen nur ein Teil ins Bewußtsein zu kommen pflegt, wenn sie ihre Entscheidung treffen. Tatsächlich ist es fast niemals bewußtes Denken allein, das unsre Entschlüsse bestimmt. Eindrücke, die der Zeit nach oft weit zurückliegen und über die wir uns daher auch keine Rechenschaft mehr ablegen, haben unserm Denken und Empfinden eine bestimmte Richtung gegeben und wirken als Unterbewußtsein so stark in uns fort, daß wir oft zum großen Teil unter *) Natan Hannover, ein polnischer Rabbiner um die Mitte des XVII. Jahrhunderts, schildert in seinem „Jewän Mesulläh" (1663) in lebendiger Weise das Bild des damaligen Schulwesens, in welchen neben allen Zweigen des jüdisch-religiösen Wissens auch wohl Elemente allgemeiner Bildung (in jüdischer Sprache) gelehrt wurden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.