Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Methodik des Hebräisch-Unterrichts in Westeuropa
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 177 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Methodik des Hebräisch-Unterrichts in Westeuropa 177 zu gelangen, für das jüdische Kind und die Jugend in ihrer Mehrheit sehe ich keinen Weg, wie es durch das' westliche Judentum zum Erlebnis der Sprache geleitet werden könnte, als den einen religiös-nationalen eines Hebräisch, das in allem und jedem inhaltlich wirkt. Dieses innige Erfordernis der kindlichen und jugendlichen Seele kann allein Grundmaß aller Art und Weise sein, wie Hebräisch ihr zu nahen hat, insbesondere im Westen mit seinen dem Judentum so ungünstigen Lebensbedingungen. Hierüber belehrt uns die vielgeschmähte traditionelle Übersetzungsmethode der Juden in Bibel und Talmud, die reine Gedächtnismethode der Araber beim Koranlernen, usw., daß selbst das untauglichste Mittel seine Aufgabe erfüllt, wenn nur der Inhalt Lebensnerv bleibt. Die Übersetzung jüdischer Inhalte in die Fremdsprache wirkte in ihrem Einschärfen nicht mechanisch, denn sie führte schließlich — schlecht und recht — zum lebendigen Verständnis und Gefühl, konnte also nicht geradewegs schaden. Im übrigen empfing ja der Heranwachsende durch das Inhaltliche des Gebotenen weit mehr jüdisch Erziehendes und damit die hebräische Sprache Liebgewinnendes, Vertrautmachendes, als es ein sprachlicher Unterricht jemals vermöchte. Ich verkenne ja nicht die Aufgaben des hebräischen Unterrichts dort, wo es eine jüdische Erziehung leichter hat; im Westen treten diese Unterrichtsaufgaben zurück vor der grundlegenden Frage: Gibt es eine jüdische Erziehung durch die hebräische Sprache? Ja, selbst wenn kaum ein Idealfall eine solche Erziehung ermöglicht hätte — und er hat sie sogar an Nichtjuden aller Zeiten in unzähligen Fällen vermocht — so wäre dies unsere vornehmste Aufgabe. Die moderne Berlitzsche Wortüberlieferung ist Mechanismus der „Fremdsprachen", das humanistischgrammatische Latein- und Griechischlehren ist bestenfalls Interessebezeugung, keines reicht an unser Erfordernis heran. In unserem Falle scheiden sich Unterricht und Erziehung. Der Unterricht darf nur so weit stattfinden, als er in jeder Einzelheit jüdische Erzählung, jüdisches Bild und Sinnbild hervortreten läßt, und erst, wenn dergestalt dem jüdischen Kinde jedes so traut wird, wie nur irgend sein Inhalt es vermag, schenkt es auch dem Unterricht, der Übung Vertrauen und der Sprache jene Liebe, die es allmählich an die Seite der Muttersprache des Golus stellt. (Beim Jugendlichen ist dieser Weg des Hebräischen sogar das unbedingte Vorversprechen an seine Aufmerksamkeit und sein Vertrauen.) ^er Jugendliche, der national gewillt an alle Mühen der Erlernung der Sprache ehrfurchtsvoll herantritt, weil er einen nationalen Schatz sich in die Brust heben will, wird allerdings unbedingt vertrauen, auch dem Einzelworte. Doch nichts ist schwieriger, als dieses unbedingte Vertrauen an das hebräische »Wort" erst im Jugendlichen zu erwecken. Hier spottet jede Form der fremden Muttersprache des hebräischen Wortes, es sei denn, daß dieses ein religiös oder national gläubig geliebtes Judentum ausdrückt. Und auch dieses ist noch schwer genug. Während die religionspsychologische Anlage des Kindes und frühen Jugendichen die besten Vorbedingungen für ein volltönendes und eindringendes Hebräisch bietet, geht diese Möglichkeit der Einwirkung im reiferen Alter der Jugend verloren. Sie kann also im Interesse der hebräischen Sprache nicht früh genug Heft 3, 12