Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die jüdischen Gemeinden in Österreich
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 162 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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IÖ2 Max Rosenfeld: Die jüdischen Gemeinden in Österreich und (vielleicht aus diesem Grunde) prinzipiell gegen die westlichen Gemeinden voreingenommen sind, gab es einen fanatischen Widerstand seitens der orthodoxen Partei des Beizer Rabbi, einer Säule der finstersten polnischen Reaktion und der jüdischen Gemeindegewaltigen*). Der neueste von der Kultusgemeinde vorbereitete Entwurf will den galizischen Sonderbestrebungen möglichst zuvorkommen; er sieht acht kleinere Verbände der Kultusgemeinden mit einem Oberrat an der Spitze vor. Die Vertretung und Verwaltung soll sich nach drei Abstufungen gliedern: a) Kultusgemeinde; b) Landesverband; c) Reichsverband. Außerdem ist noch eine alljährlich einzuberufende Verbandsversammlung vorgesehen, die aus den Delegierten der dem Verbände zugewiesenen Kultusgemeinden und dem Gemeinderabbiner am Sitze des Landesverbandes besteht; die Verbandsversammlung wählt die Verbandsleitung. Der Reichsverband soll aus den Delegierten der Landesverbände und aus je einem von jedem Verbände zu entsendenden Rabbiner bestehen; er wählt aus seiner Mitte vier Mitglieder, die mit dem vom Wiener Verbände entsendeten Rabbiner, ferner dem Vorsitzenden, dessen Stellvertreter und den zwei Schriftführern als Oberrat zu fungieren hätten. Der Oberrat vertritt die Religionsgesellschaft nach außen; in die Kompetenz des Reichsverbandes gehört die Stellung von Anträgen an die Staatsverwaltung in Angelegenheiten, die die öffentliche Rechtsstellung der Juden im Staate betreffen, einschließlich des Rechtes der Beschwerdeführung in Fällen von Verletzung dieser Rechtsstellung. Der Wirkungskreis dieser neuen Organisation ist äußerst beschränkt, die bisherigen plutokratischen, altliberalen Vertreter der Juden wollen keine weitere, sie haben auch kein Interesse an einer besseren. Es besteht also keine Hoffnung, daß wir eine straffere, konsolidiertere, besser ausgestattete Organisation erhalten. Indes muß auch diese schlechte Form ausgenützt werden. Es kann nicht genug wiederholt werden, daß wir uns in den Gemeinden ein starkes Rückgrat schaffen können, daß wir sie zu einer Organisation ausgestalten können — falls wir berufene Führer haben —, die uns nicht nur in den Stunden der Not, sondern auch in ruhigen Zeiten Hilfe und Förderung bedeuten wird. Es ist der größten Mühe wert, die jüdischen Gemeinden zu „erobern", sie umzuwandeln, sie mit gutem Inhalt zu füllen. z. Zt. Jaroslau Max Rosenfeld *) Das Organ der „Beizer" — „Kol Machsike Hadat" —, welches kein halbes Tausend Leser und Abonnenten zählt und von der polnischen Landesregierung subventioniert war, brachte anläßlich der wiederholten Bestrebungen der Wiener Gemeinde betreffs des Zusammenschlusses einen geharnischten Aufruf, in dem es umumwunden heißt, man solle gegen die westlichen Gemeinden kämpfen, „denn nicht Brot bringen uns die deutschen Hände, nur Steine deutscher Reformen, deutscher Brutalität". Klarer noch heißt es weiter: „Daß dieser Schritt (der Anschluß an den Westen)- mit der gerechten Tendenz der polnischen Landesbehörden in Konflikt geraten wird, daß er eine Herausforderung der ganzen polnischen Gesellschaft bedeuten und daß er bei der polnischen Gesellschaft eine gerechte und gewaltige Reaktion hervorrufen wird, ist ja klar" usw. Damit dieser Aufruf bekannt werde und die Wankelmütigen gewarnt werden, wurde dieser Aufruf in dem bekannten allpolnischen Organ „Slowo Polskie" veröffentlicht. (Vgl. Slowo Polskie No. 123 v. 14. 3. 1913.)