Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der Westjude als Kulturdünger
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 129 (sequence 4)
- Language
- German
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Bemerkungen 129 nimmer Liebe zu dem Schicksal, das uns von außen auferlegt sein mag, in der Kette zufälliger Gestaltungen, in die die Welt uns hineinreißt, das bedeutet Bejahung des Schicksals, das in den Grundzügen unserer Seele vorgebildet ist und, beschwingend oder bedrückend, nach Erlebtwerden drängt. Nehmen wir mit dieser Verinnerlichung des Jude-Seins dem Westjuden die Tragik? Ach, was Grabowsky so nennt, dies Hinundhergeschteudertsein von tausend Strömungen und Richtungen, das uns befähigte, allen europäischen Bewegungen die Leutnants zu stellen, die Direktoren und Redakteure, die Dirigenten und Schriftsteller — das ist doch im Grunde keine Tragik zu nennen. Das ist sinnlose Dissonanz, richtungsloses Chaos. Indem uns jetzt der tiefe Zusammenhang jener Dissonanzen mit den Untergründen der reifenden Volksseele zum Bewußtsein kommt, gewinnt der Judenschmerz erst die Tiefe befreiender Not, wird er erst etwas, das den heiligen Namen Tragik verdient, jener zum Weltgefühl gesteigerte Zustand des Volkstums, aus dem ein großes, ernsthaftes Schicksal erstehen kann. Die Güter an eigenem geistigen Leben, die der Jude sich so erobert, ohne die zwecklos brennende Frage des Warum und Wozu, werden von selber eingegliedert sein dem Reichtum der Nationen. Und wenn es denn eines symbolischen Bildes bedarf, wir sehen in dem neuen Judentum keinen Weltendünger mehr, wahllos hingestreut zum Wachstum einer chimärischen Kulturmischung, wir schauen den Säemann, der endlich ausgeht zu säen, — seine Saat: ewige Werte der Menschheit, sein Feld: sein Volk- Moses Calvary Das Judenschiff Die spanische Regierung gab der Stadt Barcelona ihre Genehmigung zur Gründung einer jüdischen Gemeinde. Eine gleiche Genehmigung wunje in Madrid nachgesucht und wird, wie man erwarten darf, demnächst erteilt werden. Wer zu hören vermag, der höre aus dieser kleinen Nachricht heraus die Weise von der ewigen Wiederkehr alles Bestehenden. Auf seiner Wanderschaft über die Erde setzt Ahasver den Fuß auf den Boden eines Landes. Sein rascher Verstand erfaßt alle Möglichkeiten, die Schätze des Landes — greifbare und geistige — zu heben und zu verwerten, sie über die Grenzen des Reiches Hett 1/2. hinauszutragen und andre dafür einzutauschen. Unter seiner Mitarbeit hebt sich des Landes Wohlstand, hebt sich des Volkes Streben nach Klarheit und Schönheit. Aber auch dem Wandernden selbst, der endlich eine bleibende Zufluchtsstätte gefunden zu haben meint, wachsen Kraft und Schöpferwille; im Frieden des gastlichen Landes schafft er Werke, geboren aus jüdischer Inbrunst, durchglüht von jüdischem Geist. Das Volk des Landes beginnt, sich des Wachsens seiner Macht bewußt zu werden. So bewußt, daß sich Stimmen erheben, die es eine Schmach nennen, daß der „Fremdstämmling" noch immer mitarbeiten darf an des Volkes Schicksal. So bewußt, daß die Rufer nach Vernichtung des fremden Einflusses eine immer bedrohlichere Macht im Staate werden. So bewußt, daß endlich eine klug berechnende Regierung die Forderungen der Strenggläubigen und unentwegt Nationalen erfüllt und ihnen den Juden' zum Zerreißen hinwirft. Am 31. März 1492 ging ein Gebot aus von Madrid, daß alle Juden Spaniens unter Hinterlassung ihrer Habe das Land zu verlassen hätten. Ahasver mußte wiederum zum Wanderstabe greifen. Gebrochen von der Gewalt seines Schicksals tat er einen Schwur, nie wieder den Boden des Landes zu betreten. Berichte aus der Zeit der spanischen Judenvertreibung erzählen von dem Judenschiff, das angefüllt mit Flüchtlingen ruhelos auf dem Meere irrte. Es zog von Hafen zu Hafen, aber überall verwehrte man ihm die Landung, gestattete ihm höchstens, wenige Tage vor Anker zu liegen, um dann aufs neue mit seiner Last an Hunger und Seuchen sterbender Juden die Wanderung durch die Wüste des Meeres zu beginnen. Noch immer irrt das Judenschiff, das Ahasver trägt, von Port zu Port; nirgends kann er eine Stätte finden, die ihm zum bleibenden Aufenthalt wird, an der sein Geist dauernd Wurzel schlagen kann. Im Laufe seiner Wanderung ist ihm von allen Völkern so viel Leid geschehen, daß ihm die Erinnerung an die spanische Katastrophe verblaßte vor dem Gedanken an jüngere Leiden, daß er seines Schwures vergaß. Nun ist sein Schiff von ungefähr wieder in den Hafen gelangt, von dem es auslief, und der Wandermüde folgt der Einladung der spanischen Regierung, wieder in den Grenzen ihres Landes zu verweilen. Das alte Spiel kann beginnen.