Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Der Westjude als Kulturdünger
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 128 (sequence 3)
- Language
- German
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128 Bemerkungen hatte Goethe und die deutsche Kultur mit seiner jüdischen Religion zu tun? Sie lebten ohne Berührung in zwei verschiedenen Bezirken seiner Seele. — Heute ist der Konflikt für einen großen Teil des deutschen Judentums irgendwie vorhanden. Schon Heine, einer der ersten guten Europäer, spürte dunkel in ihm das Verhängnis seines Lebens, und dem geistigen Juden der Gegenwart ist er zum Schicksal geworden. Er wird um so stärker empfunden, je voller die Kraft des jüdischen Triebes den Einzelnen ergreift und, vergeblich, seinen ganzen Menschen zu erfassen strebt. Denn das ist die tiefe Änderung, die sich im Judentum dieses Jahrhunderts vollzogen hat, daß das Jude-Sein selbst sich von innen heraus gesteigert hat: Judentum nicht mehr irgend ein, gleichgleichgültiger oder wichtiger, Teil des jüdischen Menschen, sondern tragende Grundkraft. Wie kann man nur heute noch daran vorbeisehen! In Amerika erlebt der Wille zu einer Zusammenfassung des Judentums einen fast gewaltsamen Ausbruch, in Rußland verlangt ein führender Gegner des Zionismus, daß auf dem Friedenskongreß das Judentum als territoriumslose Nation anerkannt werde, selbst in Westeuropa wird jüdische Kulturarbeit von einer langsam erwachenden Jugend stürmisch gefordert. In aller Welt entstehen jüdische Jugendvereine mit hebräischen Lehrkursen, in den Schützengräben treibt man hebräische Grammatik, und in deutschen Gefangenenlagern bemühen steh längst europäisierte russische Juden in ernsthafter Arbeit um den Geist des Hebräischen, sie alle wie seltsam überrascht und aufgeschreckt von dem plötzlich erweckten Gleichmaß eines jüdischen Rhythmus. Auf dieser inneren Erneuerung des Judentums, nicht auf einer mechanischen Übertragung, beruht die Bedeutung des Ostjudentums für den Westjuden der Gegenwart. Der Zionismus ist nur ein kleiner Teil der jüdischen Selbstbesinnung, der zur Unfruchtbarkeit verdammt wäre, wenn er sich nicht auf den Kern des jüdischen Volkes im Osten stützte, das sein Judentum ungebrochener bewahren konnte. Neben ihm erwachen Bewegungen nationalen Gepräges, die sich ihm entgegensetzen, er mag zielbewußter, konsequenter, gradliniger sein als sie, aber er ist mit ihnen im Grunde verwachsen, Träger gleicher Ideen, getragen von denselben Kräften. Eine Sehnsucht nach völkischer Einheit hat den Juden gepackt, kaum eine Sehnsucht mehr, ein Bewußtsein, daß längst verschüttet geglaubte Einheit von Ost und West wieder auflebt Kein Zionist leugnet die Kompliziertheit des Westjuden, den Reichtum seiner Seele, die sich an Anregungen ganz Europas vollgesogen hat. Gewiß gibt es nichts rein Jüdisches. Als ob es übrigens rein Deutsches oder Französisches gäbe! Und selbst zugegeben, daß die jüdische Welt reicher als jene an Mischung, ein irrlichtelierendes, vielfach gebrochenes Prisma sei — in dieser Verquickungsfähigkeit die Eigenart des Juden, und dementsprechend in dem scheinwissenschaftlichen Buche, das diesen Gedanken durchführt, den besten Beitrag zur Judenfrage zu erblicken, das heißt auf Erklärung zu verzichten und sich mit einer bloßen Konstatier ung zu begnügen. Was anderes ist denn Wissenschaft, als das Streben, die Vielfältigkeit der Erscheinungen auf Grundkräfte zurückzuführen? Dieses Zurückführen nennt man sonst nicht vereinfachen, sondern erkennen— freilich mit dem tiefen Grundbewußtsein, daß alle Erkenntnis Vereinfachung ist und es nur darauf ankommt, naturgemäß, das heißt fruchtbar zu vereinfachen. Dazu muß man aber zunächst die Erscheinungen wahrnehmen. Vor dreißig Jahren mochte es noch angehen, das Wesen des Judentums in seiner Vielgestaltigkeit zu suchen; heute muß man sich die Augen verschließen, um nicht zu sehen, daß individuelle Not und generelle Erneuerung des Juden im Wachstum begriffen sind. Not des Individuums, Erneuerung des Volksganzen, das sind die treibenden Kräfte des Zionismus, beides eng ineinander verflochten und vielleicht im Grunde eines und dasselbe. Die Not des Individuums wäre dann eben eine Erscheinung der inneren Erregung des Volksdaseins, und das Volk erneute sich, indem schmerzvolles Suchen die Seelen seiner Glieder zu schaffendem Willen aufrüttelt. Ja, wer weiß, ob nicht die ganze Leidensgeschichte des Juden im 19. Jahrhundert, sein Hunger nach Bildung, seine glühende Hingegebenheit an die europäische Kultur, sein ewig ruheloses Suchen auf diese schmerzenreiche Erneuerung hinzielte, ob nicht die Assimilation nichts anderes bedeutet, als die Erweiterung des westlichen, rituell oder liberal gerichteten Konfessionsjudentums zu jüdischem Volkstum I Haben wir das einmal erkannt, so sind die Folgerungen einfach. Es gilt, mit dem Volkstum Ernst zu machen. Keine Angst, daß die jüdische Seele nun verarmen müsse. Nur soll ihr Reichtum nicht mehr Material einer Allerweltsbildung sein, sondern organisch zur seelischen Funktion des Juden erwachsen. Wir werden nicht vergebens homo europaeus gewesen sein. Aber verewigen mögen wir diesen Zustand nicht Amor fati: das heißt nie und