Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Perspektiven
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 126 (sequence 2)
- Language
- German
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126 Bemerkungen aber war noch in keinem Lande solch eine Möglichkeit für ethnische Minoritätsgruppen, sich kulturell zu organisieren, wie im neuen Rußland, das wie Österreich Nationalitätenstaat ist und zugleich wie Amerika demokratisch-förderativ zu werden verspricht. So sind die Aussichten für die Auflösung und für die Selbstbehauptung einigermaßen die gleichen. Wird die zentrifugale Tendenz oder die zentripetale siegen? Hier stellt sich der neue Golusbegriff klärend ein. Auch nach der weitest gehenden Emanzipation, ja auch nach der Erteilung erdenklicher Minderheitsrechte bleiben wir im Golus, und zwar im aussichtslosesten. Denn solange wir unterdrückt waren, konnten wir andere beschuldigen. Das neue Golus aber, das Zerstreutsein, das eben darum fühlbarer sein wird, weil es das einzige ist, was vom Golus geblieben ist, — das ist ein Verhängnis, das von andern nicht beseitigt werden kann. Gegen dieses letzte Golusübel gibt es kein Mittel, es sei denn das Gegenteil des Golus, die Konzentration. Selbstverständlich nicht eine Konzentration wie in Neuyork, sondern die im eigenen Lande. Ist es nicht bezeichnend, daß die erste Nachricht vom jüdischen Leben in Rußland, die nach Ausbruch der Revolution zu uns gelangte, die von der Berufung zweier Juden in den Senat war? Gewiß human und erfreulich; aber — das finnische Volk, das seinen verhafteten Svinhuvud als Senatsvorsitzenden bekam, konnte darüber eine ungebrochene Freude empfinden, uns vermögen die zwei Juden im russischen Senat nur eine halbe zu bereiten. Sie gehören eben auf das Assimilationskonto der Emanzipation. Denn dazu sind wir im Golus verdammt: in seiner alten Form dürfen wir nicht Schutzleute werden, in seiner neuen Form liefern wir der Welt Minister. Die alte Form beklagten wir so lange, bis uns die Geschichte von ihr erlöste. Von der neuen müssen wir uns selbst erlösen. B. Krupnick Der Westjude als Kulturdünger Eine Abwehr Im ersten Märzheft des „Neuen Deutschland'* bespricht Adolf Grabowsky den neutürkischen Nationalismus, den Turanismus. Er wirft den Vorkämpfern der Bewegung vor, daß sie sich ihr nationales Programm allzusehr vereinfachen, und fügt zur Verdeutlichung hinzu: „Dieser Gefahr der Vereinfachung unterliegt fast jede ungestüme nationale Bewegung. Als naheliegendes Beispiel verweise ich nur auf den Zionisms. Der Westjude gehört zunächst und vor allem dem Typus homo europaeus an, und zwar verkörpert er sogar besonders rein diesen Typus; das unterscheidet ihn scharf vomOstjuden,der zunächst und vor allem mit seiner jüdischen Gemeinschaft verbunden ist. Das Wesentliche des Westjuden besteht eben in seinem völkerbindenden Charakter, seine ganze Beweglichkeit, seine Sauer teigfunktion gründet sich darauf. Er ist dem Volke, in dem er wohnt, eingegliedert, ohne doch ein absoluter Bestandteil dieses Volkes zu sein. Die Zionisten wollen den Westjuden aus seiner gewiß nicht ungefährlichen Lage in einfache, gradlinige Verhältnisse zurückführen und wollen dadurch dem jüdischen Schicksal seine Tragik nehmen. Aber sie nehmen ihm zugleich mit der Tragik seinen entscheidenden Vorzug. Sie übertragen in ganz mechanischer Weise ostjüdische Verhältnisse auf westjüdische, vereinfachen dadurch das Problem, sehen aber zugleich an dem eigentlichen Problem vorüber. (Dabei berücksichtige ich noch gar nicht den Typus des assimilierten Juden, der überhaupt für den Zionismus nicht in Betracht kommt.)" Doch damit scheint ihm die Ähnlichkeit zwischen der türkischen und der jüdischen Bewegung noch nicht erschöpft. Wie der Zionist sich im Golus fühle und sich nach dem heiligen Lande als der Quelle jüdischer Kraft zurücksehne, so sehne sich der Türke aus seinem gegenwärtigen Golus nach einem dämmerhaft schimmernden Lande zurück. Aber es gebe in der Natur keine Rückbildung, darum habe der Zionismus viel Wasser in seinen Wein schütten müssen, wie es auch die Turan- Romantik tun werde. Türken und Juden müßten ihre innere Not zu einem inneren Glück umformen. Der Jude müsse lernen, daß seine jüdische Aufgabe die Fühlungnahme mit der Nation sei, in der er lebe, wie die türkische die Wechselwirkung von Türkischem und Nichttürkischem. Denn es gebe ja in Wahrheit nichts rein Türkisches, noch rein Jüdisches, sondern die jüdische wie türkische Eigenart bestehe darin, daß in ihnen Eigenes mit Fremdem unlösbar verbunden sei, und der treibende Faktor ihrer Geschichte sei die Verquickung des schon kombinierten Grundcharakters mit Andersartigem. Um die Dinge so zu sehen, hat Grabowsky zunächst den Zionismus ungebührlich vereinfachen müssen. Im Zionismus sind mindestens drei Elemente verbunden: er ist eine Erklärung des Judentums, eine Bewegung im Judentum zum Judentum, eine zielbe-