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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 125

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Perspektiven
Date
1917-01-01
Page
125 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Perspektiven Seit der römische Legionär die Brandfackel in den Tempel zu Jerusalem schleuderte, war in der jüdischen Geschichte kein Tag so entscheidungsvoll wie der Tag im März, als die russischen Juden durch die Revolution befreit wurden. Nicht deshalb ist er so bedeutsam» weil die russische Judenheit zahlreicher ist als die Judenheiten, die im 19. Jahrhundert emanzipiert worden sind; auch nicht, weil die russisch-jüdische Gemeinschaft widerstandsfähiger dem neuen verlockenden Leben entgegengeht; sondern deshalb, weil sie die letzte große Judengemeinschaft ist, von der das Joch der entwürdigenden Beschränkungen genommen wird. Nicht einen großen Teil der Juden betrifft das Ereignis: von heute ab hat die Gesamt judenheit, zum erstenmal in der Golusepoche, Menschenrechte, Menschenrecht. Außer unsern unseligen, glücklicherweise an Zahl geringen Brüdern in der Nordmoldau und etwa in Marokko sind von nun an sämtliche Juden der Erde als Menschen anerkannt. Das waren sie seit der Zerstörung des Tempels zu keiner Zeit. Man bedenke, was das bedeutet. Bis jetzt war das ganze jüdische Leben, insofern es jüdisch war, auf das Golus in seiner schärfsten Form zugeschnitten. Was ist denn die schöne Traurigkeit jüdischer Mädchenaugen anderes, als die vererbte Angst der Generationen? Und welches Motiv wiederholt sich in den jüdischen Gebeten so oft wie das des Märtyrertums? Solange die Mehrheit oder doch ein großer Teil des Volkes recht- und schutzlos war, lag auch auf dem befreiten oder halbbefreiten Teil «n düsterer Schatten. Noch vor vier Jahren, zur Zeit des Kiewer Prozesses, ging ein Schauer des Mitlebens durch die Judenheit des Erdballs. £ie Klagen der mittelalterlichen Salachen und ^inothschreiber wurden in den Herzen wach. Kußland war sozusagen das Gefühlszentrum wirkte Peripherie mächtig ein- Darum ist, was heute geschieht, eine Wende m der ganzen Volkspsychologie. Wir müssen mm gegenüber unsere Theorien revidieren, unsere Terminologie umprägen. Golus wird fortan einen anderen Sinn haben als bisher. Die Geseira, der Pogrom, die gesetzliche Gesetzlosigkeit, das Grobe und Derbe fällt fort. Ein verfeinertes, wohlgesittetes Golus, ein Golus in Handschuhen hebt an. Aber zugleich muß ein tieferes Verständnis für das Golus der Schechina, für das Golus der Volksseele aufdämmern. Wie sehr hat dem Zionismus der Pogrom von Kischinew Abbruch getan! Fort aus Rußland, jammerten die Leute, mag es nach Uganda, mag es wo immer hin gehen; wie könnt ihr von uns verlangen, daß wir geduldig zuwarten sollen, bis das langsame Wachstum Palästinas soweit gediehen sein wird? — Wie hemmend hat der philanthropische Zug mancher Zionisten des Westens auf die Idee gewirkt! Eben erst auf dem jüngsten Delegiertentag der deutschen Landsmannschaft ist dieses Element deutlich zutage getreten. Nun aber gilt's nicht mehr den östlichen Brüdern zu helfen, sondern sich selber. Die äußeren Rechte der Ostjuden legen 'den Westjuden innere Pflichten auf. Wenn die philanthropische Energie ohne Objekt bleibt, wird sie sich in eine Wärme wandeln müssen, die den Organismus des Westjudentums neu beleben wird. Im befreiten Ostjudentum selbst werden aller Voraussicht nach in der nächsten Generation gewaltige Kämpfe ausgefochten werden. Hauptsächlich zwischen aktivem und passivem Judesein. Die neue russische Freiheit schmiedet mit jedem Schlag ihres Hammers gleicherweise günstige Bedingungen sowohl für die Assimilation wie für die Regeneration. Ein Land von ungeheurer Ausdehnung, von wirtschaftlicher Rückständigkeit aber schneller Entwicklungsfähigkeit, mit einer Menge judenreiner und judenhungriger Städte und Börsen, Theater und Hochschulen, Beamtenstäbe und Redaktionen, — wenn es bei einer freien Verfassung bleibt, ist es ein Paradies der Assimilation. Nirgends in Europa und Amerika waren je solche Bedingungen vereinigt, und doch ist fast überall der Emanzipation die Assimilation auf dem Fuße gefolgt, — wie sollte es in Rußland anders sein? Hinwieder

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