Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Aus "Der Gerichtstag"
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 117 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus „Der Gerichtstag" 117 Kleine Ballade an die Schwester Liebe Schwester, liefen wir durch große Wiesen? Ist es wahr, daß wir den Löwenzahn Selbst versonnen in die Sonne bliesen? Lachten wir uns unter Reisig an? Knirscht im Park noch immerdar der Kies? War einmal ein Leierkastenmann, der Pan Radetzky hieß? Wuchsen einst vor unsern ganz zerschlafenen Blicken Leise Gletscherberge auf wie weiße weite Blechmusiken? Saßen wir an sonnentollen Tischen Mit dem Lachen großer Glieder-Fraun? Kruzifixe schreckten uns in Lampennischen, Tief aus unserm Traum trat der Fluß Traun. Standen wir, zwei Seelchen, an den Seen? Sahen Liebe ahnend wir den Rauch der kleinen Dampfer wehn? Lebten wir ins Klingeln einer Heimfahrt urverloren? Aßen wir am Abend unter Hirschgeweih bei den drei Mohren? Ach warum, wenn Bäume mich mit Schmerzenslaub berühren, Eine Fichte mich durchraucht mit lang verwirktem Dunst, Müssen böse Hände meine Kehle schnüren, Geister häufen falschen Schrei und Worte zwischen uns? Und ich weiß nicht, wer ich war und wer ich bin! Meine Seele spannt sich wie Geschwür und müdet hin. Und die Schläfe, wie jetzt meine Hände drüber strichen, Ach, sie brannte, Schwester, so, von unsern toten Sommerbienenstichen. Ballade von zwei Türen Ich ruhe in einer Pagode von Traum. Meine Feinde schleichen am Waldsaum. Sie sind wie von Nebel, gespitzt und schief. Ich schlief mich in Weihrauch tief. Meine Hand rührt sich ein Jahrhundert nicht, Ich fühl keinen Leib, nur ein dunkles Licht. Mein Gesicht ist von blinder Schau versteint, Fern stößt in sein Horn ein reitender Feind. Ich hebe mein Bein nicht aus dem Moor, Eine Glockenblume kitzelt und streift Wie der Kuß eines Kindes mein rauschendes Ohr. Ein Glockenwind in meine Krone greift. Es atmet in mir ein Schallen lang, Und Gesang ist mein Starren, mein Starren Gesang. Ich ruhe in einer Pagode von Traum.