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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 1-2 · p. 110

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 1-2
Article
Vorbemerkung über Franz Werfel
Date
1917-01-01
Page
110 (sequence 2)
Language
German
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HO Martin Buber: Pforte meines Geistergartens aufgetan, und nun kann er in alle Ewigkeit nichts anstellen, was mich ihn daraus verbannen hieße. Messet getrost wirklichen an anekdotischem Menschen, spätres Buch an frühem, meinetwegen, den ihr seht, an euch selber; ich habe einen Dichter nicht abzuschätzen, nur zu erkennen, daß er es ist — und wie er es ist. In der Welt dieses Dichters gibt es keine Gegenständlichkeit. Die Dinge und Wesen, deren Gedicht er uns mitteilt, bestehen nie als angeschautes Sein; es ist immer das Gefühl des Dichters, das sich an ihnen — nicht erfüllt, sondern manifestiert. Er erblickt etwa ein buckliges Kind in einem Laden, das Kind sieht ihn an, und er berichtet: „Da fühlte ich wunderbar die unwiederbringlichen Ruinen der Dämmerung", und noch einmal und zum dritten Mal: „Da fühlte ich..." Hier ist, was ich meine, überdeutlich bekundet; aber tiefer klar wird es, wenn er aufzählt: „Ich weiß das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen, das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis, das Gefühl von Debütanten, die sich zitternd vor den Souffleurkasten stellen." Das ist kein Gerede, das ist zwingende Dichterwahrheit: ja, er weiß jedes Gefühl, von dem er spricht — und dieses sein Wissen ist ein Urmotiv seiner Dichtung, es begeistert ihn, es zu besingen. Wenn es zu schweigen droht, bittet er den Dämon: „Laß mich wieder verstehn die unirdischen Augen der Hunde". Und noch eine Schicht tiefer, zutiefst, im Reich des blutenden Bekennens — da wird er inne, daß sein Wissen kein letztes Durchleben war: „Kenn ich die Lampe denn, kenn ich den Hut, die Luft, den Mond, den Herbst. . ." und betet, des Allebens und Allworts gewürdigt zu werden: „Bis daß ich erst in jedem Lumpen starb, in jeder Katz* und jedem Gaul verreckte und ein Soldat, im Wüstendurst verdarb". Werfel schaut die Dinge und Wesen nicht als Gestalten, in denen sich der Sinn vollendet, er spürt sie als Ichs, deren unhörbare Rede sein Ich aufzunehmen vermag. Er holt aus ihnen nicht Bilder, in denen das Gefühl beschlossen liegt, sondern Stimmen, in denen es erschallt, und wo sie zu verstummen scheinen, wirft er mächtig in sie die seine: „Aber Mensch, gedenke du in ihr . . Kein Ding stellt sich ihm dar, jedes Ding sagt Ich zu ihm. Die tote Schultasche spricht: „Wir alle sind, alle sind da!" aber nur als Ich sind sie da, nicht als Gegenstand. Die Sphäre Werfeis ist nicht das Leben, ist das Erleben. Wenn es zumeist als die geheimnisvolle Eigenschaft des Dichters gelten darf, daß er alles, Eindrücke, Stimmungen, Gedanken, ja den Kern der eigenen Seele als Gegenstand zu fassen, zu Gegenstand zu bannen, in Gegenstand zu wandeln vermag, daß unter seiner Hand alle Subjektivität zu Substanz wird und die Leidenschaft selber zum unberührbar umrissenen Sein gerinnt, tritt in Werfel eine andre, schier die umgekehrte Funktion zutage: kein Gegenstand, nur Ich, unendliches Ich besteht vor ihm. Er spricht dies zuweilen selbst in überscharfer Formel aus: „Du liebst und liebst dich selbst als irgendwen". Nein, nicht sein Ich, das Ich, die Ichheit ist es, die ihm tausendfältig entgegentritt. Gemeinhin schafft die Anschauung der Gegenständlichkeit, die Fähigkeit der Vergegenständlichung im Dichter eine letzte, vor zerstörerischer Schwermut und

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