Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Systematische Palästinakolonisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 60 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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6o Adolf Böhm: kolonisiert, sondern auch das Budget des Staates selbst für solche Einrichtungen, die sonst überall aus öffentlichen Mitteln bestritten werden müssen, wie Schulen, Versuchsanstalten, hygienische Einrichtungen etc., nicht in Anspruch nimmt. Eine so geartete Einwanderung von Menschen und Kapital wird der Türkei in einer Zeit allgemeinen Wiederaufbaus bei erschöpfter Volkswirtschaft und finanzieller Hochbelastung gewiß willkommen sein müssen. Wann immer der Zeitpunkt, in dem dieser Gesichtspunkt für die Haltung der türkischen Regierung der ausschlaggebende sein wird, auch eintreten mag, die Zionisten müssen jedenfalls vorbereitet sein, im gegebenen Moment sogleich an die Arbeit zu gehen. Es ist daher schon jetzt hohe Zeit, die gemachten Erfahrungen zu überprüfen, auf ihrer Grundlage einen vollständigen Plan für die Besiedlungsarbeit zu entwerfen, nach diesem die vorbereitende Organisierungsarbeit durchzuführen und seine Finanzierung vorzubereiten. Diesem Gedankengang mag das vortreffliche Büchlein seine Entstehung verdanken, das Ing. Agr. Oettinger unter dem Titel ,,Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina" soeben als Nr. 3 der „Nationalfonds-Bibliothek" (herausgegeben vom Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds, Haag) erscheinen läßt. Agronom Oettinger, der nach jahrzehntelanger Tätigkeit in der jüdischen Kolonisationsarbeit 1913 für das zionistische Palästinaamt gewonnen wurde, ist wohl der berufenste Mann dafür, die bisherigen Erfahrungen kritisch zu werten und das erforderliche systematische Kolonisationsprogramm für die weitere Arbeit aufzustellen. In seinem Büchlein untersucht er zuerst die „Methoden der Kolonisation" unter Berücksichtigung nicht nur der Erfahrungen, die in Palästina, sondern auch jener, welche von den verschiedensten Regierungen bei ihren inneren Kolonisationen gemacht wurden. Als Leitgedanken stellt er den Satz auf, daß nur eine solche jüdisch-palästinensische Kolonisation als eine „nationale" gelten könnte, die alle Bestrebungen und Kräfte mittels gemeinsam nationaler Gesichtspunkte — inbezug auf 1. die Art und Weise der Bereitstellung von Grund und Boden, 2. die Heranziehung jüdischer Arbeiter, 3. die Sicherung der nationalen Interessen und 4. die Beschaffung jüdischer Kapitalien — vereinigt. Eine solche gemeinsame Orientierung hatten die vielfachen Arbeiten auf dem Gebiet jüdischer Palästinakolonisation bisher noch nicht. Selbst die zionistischen Versuche, die in klarer Erkenntnis der Hauptprobleme (Betriebs-, Arbeiter- und Kreditfrage) angestellt wurden, entbehrten des einheitlichen Gepräges und der Systematik des Zusammenarbeitens . der verschiedenen daran beteiligten Institutionen. Oettinger will in die Palästinakolonisation Plan und Methode bringen. Deshalb untersucht er: Welche Wirtschaftstypen sollen geschaffen werden, welchen Aufwand erfordern sie, welche Rentabilität ist zu erwarten, wie weit kann die Kolonisation in den nächsten Jahren gebracht werden und wie ist ihre Führung zu organisieren? Die erste Frage, jene nach den möglichen Wirtschaftstypen, beantwortet er mit der Aufstellung von sechs bestimmten Schemen: 1. Kolonistenbetriebe auf Bodenanteilen von 200 — 250 Dunam mit vorwiegendem Getreidebau. Anlagekosten bis zu den ersten Ernten 27200 Frs.,