Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Rechtsstellung und innere Verfassung der Juden in Polen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 52 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Moses Schorr: Sabbattai Kohen (Schach) und eines Eliah Gaon — um nur einige klangvolle Namen zu nennen —, deren Lebenszeit in drei verschiedene Jahrhunderte fällt und die genügen, um den eminenten Einfluß sich vergegenwärtigen zu können, den die polnisch-jüdische Kultur sowohl auf die religiöse Entwicklung wie auch auf die allgemein kulturelle Betätigung der Juden in den Nachbarländern ausgeübt hat. Das Ende des XVIII. und die erste Hälfte des XIX, Jahrhunderts zeitigt innerhalb der polnisch litauischen Judenheit neue, höchst bedeutsame Kulturströmungen, die zum Teil, wie der Chassidismus, ihre Wurzeln hauptsächlich in der eigengeschichtlichen Entwicklung haben, zum Teil wieder, wie die Haskalah ihre Säfte zwar aus der Mendelssohnschen Bewegung ziehen, die aber dennoch später eigenen Entwicklungsmotiven folgen — Kulturströmungen, die mit zu den wichtigsten Kulturerscheinungen innerhalb der Judenheit des XIX. Jahrhunderts gehören; jene kraft ihrer schöpferischen, aus dem tiefsten Born der Volksseele quellenden Umwertung der religiösen Welt- und Lebensanschauung, diese kraft ihrer humanistischen Tendenzen, deren literarische Ausdrucksformen in Poesie und Prosa eine neue Epoche bedeuten und in weiterer Folge in den letzten Jahrzehnten zu einer ungeahnten, Verjüngung und zu einem herrlichen Aufschwung der hebräischen Sprache und Literatur geführt haben, von deren Zauber nunmehr auch die jüdische Jugend der westeuropäischen Länder immer weiter ergriffen wird. Und trotz all dem, trotz dieser eminenten Bedeutung, welche der ostjüdischen Geschichte und Literatur als Kulturfaktor zukommt, teilte sie dennoch lange das Schicksal des Dornröschens in der jüdischen Historiographie des XIX. Jahrhunderts. Erst in den letzten drei Jahrzehnten beginnt auch sie allmählich dank dem stets wachsenden historischen Interesse ans Tageslicht zu treten*). Eine Reihe von Monographien über die Geschichte der Juden in einzelnen größeren Städten Polens bzw. über einzelne Probleme aus der Wirtschafts- und Verfassungsgeschichte auf Grund sorgfältiger archivalischer Studien bilden heute eine solide Basis für eine sicherlich in absehbarer Zeit zu schreibende Gesamtgeschichte der Juden in Polen und Litauen, namentlich seitdem die nun für jeden zugänglichen überaus reichhaltigen Staats- und Stadtarchive in Warschau, Wilna und anderen Städten die Möglichkeit einer Darstellung der Wirtschafts¬ und Kulturgeschichte auf breitester wissenschaftlicher Grundlage eröffnen. Es kann nun nicht Zweck dieser Abhandlung sein, eine geschlossene Darstellung der 700 jährigen Geschichte der polnisch-litauischen Judenschaft, wenn auch nur in allgemeinsten Umrissen, zu bieten, wenn man bedenkt, daß diese Geschichte in all ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Exponenten trotz aller Kontinuität der Entwicklung doch mehrfache einschneidende Umwälzungen aufweist, die im engsten Zusammenhang mit den allgemein staatlichen, politischen und ökonomischen geschichtsbildenden Faktoren stehen, denen das polnische Staatswesen selbst im Verlaufe seiner Entwicklung unterlag und die eine genaue Kenntnis dieser Geschichte voraussetzen. Es empfiehlt sich daher anstatt eines kaleidoskopartig aufgerollten chronologischen Überblickes vielmehr eine soziologisch orientierte Betrachtung dessen, was als das Wesentliche und Ausschlaggebende in der Mannigfaltigkeit der Geschichtswandlungen sich deduzieren läßt, darzubieten — die Richtlinien gewissermaßen, welche ♦) Vgl. Anhang.