Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 1-2
- Article
- Die Assimilation um der Menschheit willen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 46 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Siegfried Bernfeld: Die Assimilation um der Menschheit willen durch die Organisierung der jüdischen Wanderung. An zweiter Stelle durch die Schaffung entsprechender jüdischer Wirtschaftsorganisationen oder vielleicht Wirtschaften in den Ländern der Diaspora. Zweitens jene, deren Assimilationswunsch aus psychologischen Kräften entspringt. Es sind nur gewisse, nicht sehr große, aber nicht zu vernachlässigende Kreise, die in diese Gruppe gehören, denn die psychologischen Kräfte gewinnen nur dort entscheidenden Einfluß, wo die wirtschaftlichen zurücktreten. Zunächst sind es bestehende Ideologien, durch die der Assimilationswunsch erzeugt wird. Diese müssen auf dem Weg der gründlichen, wahrhaftigen Argumentation in Wort und Schrift zerstört werden. Der Wunsch entsteht aber durch seelische Tatsachen und Tendenzen des mehr oder minder bewußten Judenhasses, der Judenverachtung jener Juden selbst. (Als ein Symptom wurde oben die Idee der Menschheit aufgewiesen.) Hier haben wir die überaus schwierige Aufgabe, Juden und Judentum liebenswert und achtungswürdig zu machen. Dies geschieht durch die gewaltige Erziehungsarbeit, die die wirtschaftliche Regeneration des Judentums in Palästina, die moralische durch das Streben danach und durch die mit ihm verbundene Machtentfaltung automatisch herbeiführen wird. Zu lange aber dauert es, bis solche Folgen in die periphersten Gebiete der Diaspora ausstrahlen. Überdies braucht solche Entfaltung ihrerseits die Hemmung der Assimilation; vor allem in der Jugend. Soweit diese gefährdet ist, soweit in ihr jene psychologischen Kräfte wirksam sind, bedarf es eines eigenen Mittels. Sein wesentlicher Inhalt ist: eine Gruppe selbstbewußter Jugend, die sich und das Judentum achtet und liebt, die leidenschaftlich jüdische Kultur in sich aufnimmt und im Leben ihrer Gemeinschaft verwirklicht, eine Gruppe, die an äußerer Kultur, an Gesinnung und Handeln achtungerzwingend auf die jüdische Öffentlichkeit wirkt, ohne je um sie geworben zu haben. Diese Gruppe wird jene Unentschiedenen sich assimilieren. Wozu aber überhaupt als bewußtes Programm die Hemmung der Assimilation? wird zuletzt gefragt werden. Gibt es keine eigentliche Assimilation als Massenerscheinung, dann ist diese Forderung Widerspruch in sich selbst. Existiert sie aber, so zerstört sie dennoch nicht, weil — und hier sind die verschiedensten * Begründungen möglich. Uns scheint, als lägen die Tatsachen so: die Assimilationstendenz, die heute aus äußeren und vielleicht auch aus inneren Gründen sich in der Masse nicht erfüllen kann, erzeugt dann, wenn sie trotzdem festgehalten wird, eine Summe von körperlichen und seelischen Folgen in jedem einzelnen betroffenen Individuum — wir haben sie oben unter den Begriff der ausschließlichen Assimilation der Expressionen zusammengefaßt —, die nicht anders denn als Defekte gewertet werden können; am intensivsten dort, wo die Idee der Menschheit einwirkt. Diese oder mehr minder stark gebrochenen, verzerrten oder doch nur-ästhetisch eingestellten Individuen streben zwar aus dem Judentum, verbleiben aber de facto in ihm, seine moralische Qualität so gefährdend. Von der Peripherie her frißt sich ein Brand ins Judentum, der mit der Tiefe seines Eindringens immer erschrecklicher und schneller weiterwachsen wird. Die assimilatorischen Juden aus dem Körper der Judenheit auszuscheiden, haben wir keine Macht. Sie werden uns zugezählt und um so sicherer, je unerwünschter sie uns sein müssen. So bleibt keine Möglichkeit als zu wirken, daß sie wieder Juden, zu verhüten, daß sie schwankend werden. Wien Siegfried Bernfeld