Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 854

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Notiz zum Schaffen Oskar Baums
Date
1917-03-01
Page
854 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875897-3101707--1189-3101801
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

854 Bemerkungen des Arbeitslosen* * hat er selbst geschildert, wie ein Blinder, der viel allein ist, eine phantastische Welt rings um sich schafft und sich in ihr bald sicherer bewegt als in seiner realen Umgebung. Diese Novelle (deren Grundidee Baum in seinem noch ungedruckten und wohl bedeutendsten Werk „Die verwandelte Welt*' ins Gigantische vergrößert hat) gibt einen Hinweis auf die Psychologie seines eigenen Schaffens. Nur daß sein Schaffen nicht müßiges Träumen bleibt, sondern verwobenes Leben, Kraftäußerung an Wirklichkeiten, Expression seiner leidenschaftlichen Künstler- Formungskraft. Nichts ist ihm natürlicher als Menschen zu erfinden, Situationen entstehen zu lassen, ganze Heere von agierenden Geschöpfen gegeneinander zu führen. Gleich in seinem ersten Novellenband „Uferdasein" tritt er mit diesem eigentümlichen erobernden Griff auf, der aus sich heraus nicht beliebige reliefartige Räume setzt (die meisten Erzähler kranken an solchen Mattigkeiten), sondern eine tüchtige Räumlichkeit mit vielen Türen, Treppen auf und ab, langen Gassen, die wirklich ineinander führen, nicht durch breiartige Häuser aneinander vorbeiirren wie zittrige Linien, mit Höfen und richtigen Hofzimmern, aus denen man wirklich hinübersieht. — Sein hierauf entstandener Roman „Das Leben im Dunklen", der das Erziehen, Erzogenwerden und die Sehnsucht nach besserer Erziehung in einem Blindeninstitut darstellt, ist ein Meisterwerk körperlich raumhafter Darstellung. Man sieht das ganze weitläufige Areal vor sich, Garten, Werkstätten, geheime Zugänge, Direktion, Schule, zahllose Zimmer und den übersinnlichen Zusammenhang in all dem, den kein Situationsplan darstellen kann .. Man wird mich hoffentlich verstehen. Unter Raumhaftigkeit ist hier nicht das Dreidimensionale allein verstanden; sondern aus jedem der zahllosen Zimmer tritt ein Mädchen oder ein Knabe, frische und edle oder verstockte, heuchelnde Jugendherzen, — und auch diese Verwirrungen von des Dichters sicherer Hand beherrscht, gleiten nicht im Brei aneinander vorüber, sondern stehen in ihrem Seelenraum, haben Luft zwischen einander, schreiten aufeinander zu oder stoßen einander ab. Baums kraftvoller Reichtum konnte es wagen, in seinen weiteren Romanen „Memoiren der Frau Marianne Rollberg" und „Die böse Unschuld" eine ganze Stadt, ein ganzes Sommerfrischendorf zu umspannen. Die Typenhaftigkeit bildet sich von selbst, denn sie entsteht ihm aus der Überfülle, nicht aus der Angst vor dem lebendigen Material. Wenn es ein Grundzug der jüdischen Seele ist, ihre Eigenart nicht in weltferner Abgeschiedenheit und Einsiedelei, sondern im Kampf mit tausend entgegenströmendengrobmateriellenEinflüssen zu behaupten, die Welt nicht himmelssehnsüchtig zu umgehen, sondern der eingeborenen Idee gemäß umzuschaffen, wirkend, formend, leidend und siegend, — dann gibt Baum in seinem Schaffen das klare Beispiel eines jüdischen Dichters, obwohl er zu den jüdischen Problemen bisher nur in seinem jüdischen Kleinstadtroman „Die böse Unschuld" mehr beschreibend alswollend Stellung genommen hat, mehr zu ihren verschlammten Ausläufern als zu ihrem klaren Sinn. Hiemit sei die Hoffnung angedeutet, mit der wir seine weitere Entwicklung verfolgen. Max Brod Das privilegierte Volk Zwei Zitate (ohne Kommentar) I. „Das große Ideal der politischen und rechtlichen Gleichberechtigung läßt sich nur in dem Tempo durchsetzen, als das Volksbewußtsein sich dem Standpunkt des Gesetzes angepaßt hat. Seine Durchführung findet da zeitweise natürliche Hemmungen, wo eine Minorität der Rasse, des Glaubens usw. sich bei freier Zulassung rasch zur intoleranten Herrscherin des Standes bzw. der betreffenden Verwaltung, der einschlägigen Organe zu machen weiß. Wie rasch haben die jüdischen Privatdozenten und Professoren zugenommen! Wie rasch haben die Juden es erreicht, daß an einzelnen Kliniken jahrelang nur jüdische Assistenten angestellt wurden, wie bewahrheitete sich in manchen Fakultäten die Prophezeiung, daß der erste jüdische Ordinarius in zehn Jahren fünf und mehr andere Juden nach sich ziehe! Die Benachteiligung der Juden im preußischen Staatsleben ist heute fast schon dem Verschwinden nahe und macht bereits dem Gegenteil da und dort Platz." Gustav von Schmoller (Jahrbuch f. Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft im Deutschen Reich. 40. Jahrg., Heft 4) 2. „Kaum irgend jemand außerhalb von Rußland weiß, daß die sechs Millionen zählenden russischen Juden die für ein Volk wichtigsten Privilegien genießen, die den nicht jüdischen Völkern im Ansiedlungsrayon nicht gewährt sind . . . Diese Privilegien werden von der russischen Regierung heiliggehalten, und dadurch gesteht die Regierung der Judenheit eine ungeheure Macht zu." Morning Post vom n, Nov. 1916

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.