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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 853

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Notiz zum Schaffen Oskar Baums
Date
1917-03-01
Page
853 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 853 gewöhnliche literarische und musikalische Begabung, sowie durch die ihm von Natur aus zufallende Führerrolle unter den Zöglingen die Aufmerksamkeit der Lehrer auf sich lenkte. Ich "war also darauf gefaßt, einer interessanten Persönlichkeit entgegenzutreten. Immerhin hatte ich mir ihn anders vorgestellt: nicht so aufrecht, so heiter und durchaus versöhnt, mit so viel überschüssiger Kraft der Seele, die immer darauf ausging, immer mehr Gegenständliches in ihren Bereich zu reißen und unermüdlich an einer eigenen Welt zu bauen. Der erste Eindruck dieser ganz starken Lebens- und Schaffenskraft scheint richtig gewesen zu sein. Denn er hält nun beinahe ein Dezennium bei mir an und erneuert sich bei jedem neuen Werke, das der Dichter hervorbringt. Ja, er erneuert sich bei jedem Zusammentreffen. Jedesmal strömt Tapferkeit und Stärke von Baums schönem Kopf dem Besucher entgegen, ein herrlicher Atem von Gesundheit, der den Gedanken an sein Gebrechen gar nicht aufkommen läßt, der jedem Mitleid die Tür weist, so wie sein erstes Buch schon den Nietzschespruch vom Mitleid, das überwunden werden muß, an der Stirne trug. — Gewiß, es ist seltsam, daß Baum, der von der Natur Mißhandelte, unter uns gleichaltrigen Freunden der erste War, der es Wagte, allen dunklen Mächten zum Trotz ganz festen Fuß auf der Erde zu fassen, indem er sich ein Weib nahm, eine Familie begründete, in deren Heim man sich bald wohl fühlt. Und dieselbe Entschlossenheit, Kurzangebundenheit, dasselbe Vertrauen zum Leben, wie er es in seinem Tun erquickend bewährt, kommt auch in seinen Schriften zur Gestaltung, in zweifacher Weise: in der Eigenart der Helden, die er am liebsten darstellt, und in der Art seiner Darstellung. Aus derselben Quelle entspringt seine leidenschaftliche Sprechweise, der Schwall von Problemen, der ihn beständig umflattert wie ein dunkler aufgeregter Vogelschwarm. Es ist eine Lust, mit ihm zu debattieren, zu streiten, seinen überraschenden, oft naiven, meist schlagenden Einwendungen sich entgegenzustemmen. Seine Erzählungen sind brausend, sein Lachen kommt so heftig und unersättlich, wie ich mir das Lachen Flauberts vorstelle. Er unterbricht gern den andern, er spricht: „Wart einmal", er wiegt sich, daß die Sesselbeine knacken, er fragt nach tausend Dingen und gestaltet zehntausend neue zum Entgelt: in allem das kraftvolle Wesen eines Mannes, der der Welt viel abzuverlangen hat, der aber auch sein ganzes Ich einsetzt, um viel in sie hineinzuformen. « Daß Baum blind ist, hat ihm vielleicht äußerlich manchen literarischen Erfolg gebracht (namentlich an den Vorlesetischen); in der allgemeinen literarischen Beurteilung aber hat es ihm gewiß geschadet. Es hat nämlich diese Beurteilung den Kritikern etwas zu leicht, zu sensationell gemacht. Ein Blinder, der gute Romane schreibt, der Landschaften besser als mancher sehende Dichter ausbreitet, der eine spannende Erzählung mitten ins Lastertreiben der Großstadt, sogar mitten unter Sehende leitet: welch ein Anlaß für banale Paradoxa, Wenige Rezensenten ließen und lassen sie sich entgehen. Dann fehlte es natürlich nicht an Hohlköpfen aus dem andern, unbürgerlichen, in Anführungszeichen: „modernen* * Lager, die dieses rein stoffliche Interesse angeblich durchschauten und, von ihm abstrahierend, in Baum nichts anderes sehen wollten als einen gemeinen Geschichtenerzähler, noch dazu realistischer Observanz. Einige nicht Wegzuleugnende Ungeschicklichkeiten und Oberflächlichkeiten in Baums ersten Büchern kommen ihnen zuv Hilfe. So sollte es denn Wahr sein, daß kein ernstliches Wollen und Denken durch sein Werk geht, daß es sich ihm nur um ein paar nackte Tatsächlichkeiten und seltsame Zusammenstöße handelt. . Ich bin nicht Ästhet oder irgendwelcher Theoretiker genug, um zu leugnen, daß aus Baums Blindsein und aus seiner Blindenerfahrung über sich selbst Wie über unzählige Schicksalsgenossen ein eigenartiger stofflicher Reiz seiner Werke folgt. — In der Vorrede, mit der ich sein erstes Buch einleitete, habe ich diesen Reiz sogar allzu ausschließlich in den Vordergrund gestellt. Ich sprach damals von den neuen Konflikten der blinden gegen die sehende Welt, die sich ihm darbieten, von der wunderbaren Anschaulichkeit seiner unanschaulichen Welt, von all dem Eindrucksvollen, das man über Werkzeuge, Taschenuhren, Visionen, Wollungen der Blinden erfährt. All dies bleibt richtig. Aber es ist mir heute nicht mehr das Wichtigste an der Persönlichkeit Baums. Und dennoch hängt auch dieses Wichtigste, das ich jetzt an ihm sehe, mit seinem Blindsein zusammen, wie eben Seele und Körper zusammenhängen. — Da mir nämlich heute vier Bücher Baums vorliegen, hat sich meine Ansicht mehrfach ergänzen müssen. Ich glaube jetzt, daß sein Eigentümlichstes, Wesentlichstes (wie schon im ersten Absatz hier angedeutet) die neue eigene Welt ist, die er in seiner Seele aufbaut, und die Energie, mit der er sich diesem Aufbauen als einem ganz innerlichen Bedürfnis hingibt. In seiner Novelle „Von den Tagen

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