Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 12 (März 1917)
- Article
- Der Krieg und unsere Aussichten
- Date
- 1917-03-01
- Page
- 848 (sequence 2)
- Language
- German
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848 Bemerkungen eher Boden, als daß wir auf ihm den Bau unserer nationalen Ideale errichten könnten. Dies und noch eins. Wenn wir die empirische Unhaltbarkeit des Emanzipationsgedankens zum Ausgangspunkte unseres nationalen Suchens machen, liegt denn nicht darin das stillschweigende Zugeständnis, daß wir uns im Grunde unserer Seele mit der Assimilation ausgesöhnt haben, und daß wir unsere nationale Kultur zu erhalten suchen, nicht weil wir uns nicht assimilieren wollen, sondern einfach, weil wir uns nicht assimilieren können? Gewiß gibt es viele, die einen derartigen Standpunkt vertreten. Aber diese haben bereits moralisch bankrottiert. Nein, die Assimilation ist möglich, sie kann erfolgen trotz aller noch so scharfsinnigen Prognosen, und dessenungeachtet wollen wir es nicht, oder richtiger gesagt, eben deshalb wollen wir es nicht, denn wäre sie wirklich unmöglich, so könnte doch von einem besonderen Wollen gar nicht die Rede sein — wir würden uns dann bloß der Notwendigkeit fügen. R. Seligmann Zum zionistischen Delegiertentag in Berlin Soll der zionistische Delegiertentag, der kurz vor Beginn dieses Jahres in Berlin 'abgehalten wurde, den großen Aufgaben auch nur halbwegs gerecht werden, welche diese Zeit an uns stellt, dann muß er ein Anfang sein. Damit will ich einerseits sagen, daß er Neues, andererseits, daß er Unvollkommenes gebracht hat Und das sollte man nie aus den Augen verlieren. Wenn der freudige Eindruck, den dieser Tag bot, da und dort abgeschwächt wurde, so lag die Ursache eben oft darin, daß man nicht scharf genug betont hatte: Hier hat sich eine Lebensrichtung Bahn gebrochen. Ich will das zunächst an einem Satz verdeutlichen, der von Blumenfeld ausgesprochen wurde: Zwischen dem entschiedenen jüdischen Nationalismus und dem Staatsgefühl gebe es in Wahrheit keine Zusammenstöße, weil es sich um zwei auf verschiedenen Ebenen liegende Welten handle. Das ist eine Erkenntnis, die wir wie das tägliche Brot brauchen. Wenn aber auf demselben Parteitag von Hantke gesagt wurde: „Die Aufgabe der Nationalisierung der Juden bleibt ein Hauptteil unserer nationalen Politik", so hätte deutlich dargelegt werden müssen, worin sich das, was wir unter Nationalisierung verstehen, von dem unterscheidet, was alle Welt darunter versteht, nämlich: dem Beibringen des Bewußtseins, daß man beim Wettbewerb der Gewalt sich am vorteilhaftesten einer bestimmten Menschengruppe verschreibt. So birgt denn auch das Arbeitsprogramm einen Widerspruch. Was man gewöhnlich „zionistische Parteiarbeit" nennt, geht darauf aus, Menschen engherzig und engsichtig zu machen, zugleich freilich auch diszipliniert und zuverlässig, ganz im Sinne jenes Staatsgefühls, das Blumenfeld mit Recht als auf einer uns fernen Ebene liegend betrachtet. Die jüdischen Kulturarbeiten dagegen sollen den Menschen ein „neues Herz" geben, wie unsere Bibel sagt, und sie inniger als andre Menschen am Weltgeschick teilnehmen lassen. Beide können nicht nebeneinander bestehen. Nun meinte Schocken am Delegiertentage: „Treten wir in das große Aufgabengebiet der Gegenwartsarbeit ein, dann werden wir einen Teil der Werbearbeit der Entwicklung selbst überlassen können und unsere Werbearbeit wird im allgemeinen leichter und fruchtbarer durchzuführen sein." Damit mache man ernst, dieser Grundsatz ist wichtiger als alle Einzelvorschläge zusammengenommen! Sobald die Gegenwartsarbeit zugleich gemeinschaftsbildend wirkt, dann sind wir auf dem rechten Wege. Dann ist aber alle besondere Parteiarbeit unnütz, wie überhaupt das Wesen der Partei unserem Nationalismus im Grunde nicht entspricht. Aus dem Satze Blumenfelds,von demwir ausgingen, müßte sich ergeben, daß die zionistische Partei etwas werden müßte, wofür der Name Partei nicht mehr paßt. Wenn alle zionistische Arbeit darauf ausgeht, den göttlichen Funken im jüdischen Menschen zu stärken und anzufachen, dann wird sie „Kulturarbeit" und „Parteiarbeit" zugleich sein. Es wird ein Zusammenschluß sein, der nicht aus der Abschließung stammt, und damit etwas von dem Geiste Grundverschiedenes, der vor allem Rom geschaffen hat und das Gesicht gerade unserer Tage bestimmt. Der Geist der Verbundenheit wird auch unsere Tagungen durchleuchten, das Gebot des Tages in sein besonderes Licht rücken, aber keine Programme schaffen. Diese werden dem Leben entspringen, das im Geiste des Zusammenschlusses emporstreben wird, „Kulturarbeit" und „Parteiarbeit" werden eins sein. Dann erst werden wir im Sinne Blumenfelds auch mit der uns wesensfremden Art des Nationalismus keine Zusammenstöße haben, weil deren Wesen und Widerstände auf der Abschließung beruhen. Oskar Epstein