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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 847

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Der Krieg und unsere Aussichten
Date
1917-03-01
Page
847 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Der Krieg und unsere Aussichten An gesellschaftliche Ideale können und müssen wir die Forderung stellen, nicht in einen lebenshemmenden Widerspruch mit der umzuformenden Wirklichkeit zu geraten, und mit Recht begrüßen wir es, wenn das von uns gehegte gesellschaftliche Ideal sich den Lebensbedingungen unserer unmittelbaren Umgebung, wenn nicht adäquat, so doch wenigstens konform erweist. Aber vergessen dürfen wir darüber nicht, daß ein gesellschaftliches Ideal schließlich bestimmte Willenstendenzen in sich verkörpert, die ihrerseits umformend auf die Umgebung einwirken und zu einer schaffenden Komponente im Komplex der gegebenen Lebensbedingungen werden können, und daß es daher nicht immer ratsam und angebracht ist, sich jeden Augenblick nach der Wirklichkeit umzuschauen, ob sie mit unserem Ideale genau zusammenfällt oder nicht. Gewiß müssen wir bei unseren sozialen Bestrebungen zusehen, daß die von der Wirklichkeit an uns gestellten Forderungen möglichst befriedigt werden, aber außer acht darf dabei der Umstand nicht gelassen werden, daß auch wir unsere Forderungen haben, mit denen wir an unsere unmittelbare Umgebung herantreten, und daß es gerade diese Forderungen sind, die den Lebensnerv unseres gesellschaftlichen Ideals enthalten. Wir müssen wohl mit der Wirklichkeit Hand in Hand gehen, aber wir dürfen nicht zu deren Sklaven herabsinken, wenn anders wir nicht die Natur des Ideals gründlich verkennen. Diese Erkenntnis scheint denjenigen entgangen zu sein, die sich alle erdenkliche Mühe geben, um jeden Preis den Nachweis zu liefern, daß nur ihr eigenes Programm der Wirklichkeit entspreche, und daß das ihres Parteigegners unhaltbar, ja vollständig unmöglich, daß nur die von ihnen gebotene Lösung die einzig richtige, und die ihrer Parteigegner durchaus verfehlt sei. In diesen Fehler verfällt E. W. Tschlenow in seinem übrigens höchst lehrreichen und interessanten Aufsatz, der in der zionistischen Wochenschrift „Jewrejskaja Schisnj" erschienen ist. Der Aufsatz trägt die Überschrift: „Der Weltkrieg und unsere Aussichten" und stellt vorderhand nur einenTeil der Ausführungen dar, die uns der Verfasser in weiteren Fortsetzungen zu ergänzen gedenkt. Da aber dieser Teil ein in sich vollständig abgeschlossenes Ganzes bildet und der Verfasser darin seinen Gedanken ungehinderten Ausdruck gibt, so genügt auch das Vorliegende, um sich ein Urteil darüber verschaffen zu können. Der Verfasser hat die Überzeugung, daß die Emanzipation nicht im geringsten imstande sei, die jüdische Frage befriedigend zu lösen, und zwar aus zwiefachem Grunde: erstens verfüge die Judenheit in keinem Lande der Zerstreuung über jene wirtschaftlichen Voraussetzungen, die die einzige Grundlage eines regelrechten nationalen Lebens bilden, als welche sind: der Landbesitz und die annähernd gleichmäßige Verteilung in allen Gewerben und Beschäftigungen, und zweitens vermöge die Emanzipation keineswegs jene Eigenschaften und Angewohnheiten mit einem Male zu beseitigen, die das Produkt einer jahrhundertelangen Kulturentwicklung darstellen. Da die Juden nur auf einzelne Industriezweige angewiesen sind, so würden sie niemals genügend feste Wurzeln im Boden ihrer Gastländer fassen, und würden anderseits von den mehr und mehr überhandnehmenden Organisationen der autochthonen Bevölkerung aus ihren Positionen verdrängt werden; und da außerdem die Emanzipation die nahen Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden erst ermöglicht, so würde sich erst gerade dann die Gelegenheit zu einem verschärften Antagonismus bieten. All diese Erwägungen sind sehr plausibel und vielleicht auch in einem großen Maße zutreffend. Nur meinen wir, daß dieses Spekulieren auf die Aussichtslosigkeit und Hinfälligkeit aller von der Emanzipation gehegten Erwartungen und Hoffnungen gar keinen zuverlässigen moralischen Stützpunkt für unsere nationalen Bestrebungen abzugeben vermag. Soziologische Prognosen sind ein allzu schwa-

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