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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 793

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Kulturarbeit
Date
1917-03-01
Page
793 (sequence 2)
Language
German
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„Kulturarbeit" 793 Eine jüdische Gemeinschaft ist nur zwischen Menschen möglich, in denen zwei Dinge lebendig sind: wahrhaftes Judentum und wahrhaftes Gemeinschaftsgefühl. Beides ist im Wesen eins, aber im Erleben geschieden. Juden, in denen Judentum ohne Gemeinschaftsgefühl lebendig wurde, sind unfruchtbar. Juden, in denen Gemeinschaftsgefühl ohne Judentum lebendig wurde, gehen in die Irre. Judentum ohne Gemeinschaftsgefühl in einem Juden, das ist Geist ohne Werk, Glaube ohne Opfer. Aber Gemeinschaftsgefühl ohne Judentum in einem Juden, das ist Fehlwerk, Fehlopfer. Der erste weiß aber tut nicht. Der zweite tut, aber er tut falsch; denn er weiß nicht, daß seine Saat auf den Acker gehört, den er verschmäht hat — auf den Acker, der ihn, gerade ihn brauchte. Man frage nicht nach Beweisen: dieses Wissen läßt sich nicht durch Beweise beibringen, man muß zu ihm erwachen. So ist denn dies das Erste: das Erwachen zum Judentum. Aber nur das Erste. Wer dabei stehen bleibt, dem wäre besser, er hätte weiter geschlafen. Selbstentdeckung ist kein Ziel, sondern eine Voraussetzung. Der hat sein Judentum schlecht entdeckt, der nicht erfahren hat, daß es ohne Verwirklichung nichts ist, und daß es nur in der Gemeinschaft verwirklicht werden kann. Zum jüdischen Bewußtsein muß, damit es zu Leben werde, Gefühl der Gemeinschaft, Verlangen nach Gemeinschaft, Wille zur Gemeinschaft treten. Zwei Dinge also gilt es zu wecken, zu zwei Dingen zu erziehen: zum Judentum und zur Gemeinschaft. Soziale Erziehung ohne nationale wäre ein Wirken im Traum; aber nationale Erziehung ohne soziale wäre ein Wachen im Wahn. Bei andern Völkern genügt die soziale. Erziehung oder soll vielmehr genügen. Denn aus zwei Elementen richtet sich die Gemeinschaft auf: aus dem Volkszusammenhang und der rechten Menschenliebe. Das erste dieser zwei ist bei den Völkern von vornherein da, unangetastet; nur zu dem zweiten muß aufgerufen werden. Anders ist es bei uns. Wir müssen den Volkszusammenhang erst wiederherstellen, indem wir ihn in den Herzen stiften und bestätigen, durch Erweckung der Erinnerung, der Sehnsucht, der Hoffnung. Dieses nationale Bewußtsein der Herzen aber muß sich vollenden in dem großen Gefühl, daß es nicht allein Zusammenhang mit einer Idee, mit einer Volksseele, mit überlieferter Größe und verkündeter Wiedergeburt gilt, sondern Zusammenhang mit einer menschlichen Wirklichkeit und Gegenwart, mitlebenden, helfenden, dienenden Liebeszusammenhang mit Menschen von Fleisch und Blut, aus denen, mit denen die große jüdische Gemeinschaft aufgerichtet werden soll, — die große Gemeinschaft, deren Wurzelkeim auch noch in den Elendesten, Bresthaftesten, Gebundensten dieser Menschen unzerstört, ja sogar in den Abgearteten, den Machtlüsternen, den Angepaßten nur — freilich oft unrettbar — verschüttet ist. Jenen gilt es zu helfen und zu dienen, diese zu züchtigen und zu erschüttern, mit beiden in dieser unerbittlichen und verheißungsvollen Welt zu leben. Erziehung zu solchem schweren, ernsten, niederreißenden und aufbauenden Zusammenhang ist jüdische Erziehung, ist „jüdische Kulturarbeit". Martin Buber

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