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Der Jude · 1917-03-01 · Heft 12 (März 1917) · p. 792

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 12 (März 1917)
Article
Kulturarbeit
Date
1917-03-01
Page
792 (sequence 1)
Language
German
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792 Martin Buber: „KULTURARBEIT" Zu den Delegiertentagen der deutschen und der holländischen Zionisten Kulturarbeit** ist ein irreführendes, im Grunde wohl auch ein irriges Wort. Jedenfalls sagt es nicht oder nicht mehr, was wir wollen; und wir bewahren es nur, weil es nun einmal geläufig, nun einmal wirksam ist, dieses schwerfällige Wort, das mit Erlebnis und Mißverständnis beladen ist. Was wir wollen, dafür ist das Wort ,,Kultur" zu groß — und zu klein. Wir wollen nicht „Kultur", sondern Leben. Wir wollen das jüdische Leben umgestalten. Ich erkenne und preise den ewigen jüdischen Geist. Ich ersehne und erhoffe eine neue jüdische Schöpfung, Aber jener und diese können nicht angestrebt, nicht eigentlich gewollt werden. Was wir wollen, geht nicht auf Geist und nicht auf Schöpfung, es geht ganz gewiß nicht auf „Kultur": es geht auf das Leben. Wir wollen das jüdische Leben umgestalten; das heißt: wir wollen aus dem Leben von Juden ein jüdisches Leben machen. Das Leben von Juden ist das Leben von Einzelnen. Ein jüdisches Leben kann nur das Leben einer Gemeinschaft sein, denn es gibt keine Verwirklichung des Judentums zum Leben, es sei denn in der Gemeinschaft. Wir wollen ein jüdisches Gemeinschaftsleben schaffen. Es gibt in der Gegenwart kein jüdisches Gemeinschaftsleben. Nicht im Westen, nicht im Osten und nicht in Palästina. Was man etwa im Osten jüdische Gemeinschaft nennt, sind nur Trümmer oder Bruchstücke der wirklichen. Die letzte wirkliche jüdische Gemeinschaft war der Zusammenschluß der Chassidim während der drei ersten Geschlechter der Führer, eine große Flut des Einanderhelfens und Einandererhebens zum vollkommenen Leben. Eine jüdische Gemeinschaft kann nicht von außen hergestellt werden, nicht durch „Eroberung der Gemeinden", nicht durch Erlangung einer ostjüdischen „kulturellen Autonomie" und nicht durch Begründung einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina". Die eroberten Gemeinden werden nicht anders sein als die uneroberten waren, wenn die Menschen, die ihnen vorstehen, sich nur durch das Bekenntnis zum Zionismus von ihren Vorgängern unterscheiden werden. Die kulturelle Autonomie wird den krassen, gierigen, selbstsüchtigen Nationalismus der anderen Völker mitmachen, wenn in ihren Führern nicht der Geist einer neuen Menschheit entbrannt sein wird. Die gesicherte Heimstätte wird ein eigenartiges und bemerkenswertes Unternehmen bleiben und nie zu einer großen organischen Schöpfung heranwachsen, wenn, die sie aufbauen, nicht in allem ihren Tun die Gewalt und die Verantwortung bewähren, eine vorbildliche Gemeinschaft, ein reines und gerechtes menschliches Zusammenleben zu begründen, das heißt: das Judentum zu verwirklichen. — Wohl ist es wahr, daß geänderte Verhältnisse die Menschen ändern, aber die ungeheure Umwandlung, um die es hier geht, die Umgestaltung des jüdischen Lebens von einem entarteten zu einem vollkommenen, kann nur dann gelingen, wenn die Verhältnisse zuinnerst geänderte sind: und das kann nur durch die Führung, die Arbeit und das Opfer von Menschen geschehen, die bereits selber zuinnerst von dem neuen Wesen ergriffen sind.

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