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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 783

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Urukagina
Date
1917-02-01
Page
783 (sequence 1)
Language
German
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Bemerkungen 783 Urukagina*) In grauester Vorzeit, beim Aufdämmern der ersten geschichtlichen Nachrichten, saß in Südbabylonien das Volk der Sumerer und schuf hier eine hohe Kultur, die auch die im nördlichen Teil der mesopotamischen Ebene sitzenden Semiten aufs stärkste beeinflußte. Die Sumerer sind vor allem die Erfinder der Keilschrift, die fast 3000 Jahre lang die internationale Schrift Asiens von den Grenzen Indiens bis an den Hellespont und bis nach Ägypten gewesen ist. In dieser Schrift sind auch die spärlichen Inschriften abgefaßt, die seit wenigen Jahrzehnten erst aus dem Schutt sumerischer Städte, vor allem der Stadt Lagasch (heute Tello) am Kanäle Schatt-el-Hai, ans Licht gezogen sind. Sie berichten von Tempelbauten und Weihgeschenken, von Kanalgrabungen, von Beutezügen und Abwehr feindlicher Angriffe in immer wiederkehrenden, formelhaften Sätzen. Da taucht kurz nach dem Jahre 3000 v. Chr. ein König Urukagina von Lagasch auf. Klein ist sein Reich, nur Stadt und Stadtgebiet, und die Zahl seiner Untertanen gibt er selbst auf 36000 an. Auch er hat Kanäle gegraben und als frommer Verehrer seinen Göttern Tempel gebaut; aber er weiß anderes zu erzählen als seine Vorgänger. Er berichtet von den Bedrückungen, die er in seinem Lande vorgefunden hat, und von den sozialen Reformen, die er durchgeführt hat. Aus einer für uns fernen und toten Zeit steigt das Bild einer edlen menschlichen Persönlichkeit vor uns auf, Gedanken, die weit voraus in die Zukunft weisen, finden zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit Gestaltung und Leben. Hören wir, was Urukagina spricht: „Damals, seit fernen Zeiten, hausten auf den Schiffen Schiffsvögte, bei den'Eselherden, bei den Schafherden Aufseher, bei den Fischteichen Fischereiaufseher, Beamte maßen das Korn ab. Die Rinder der Götter wurden benutzt zur Bewässerung der dem Patesi (Oberpriester) verliehenen Ländereien; die schönen Felder der Götter bildeten den Ort der Freude des Patesi. Die Esel und die schönen Rinder: die Priester nahmen sie weg. Das Korn verteilten die Priester den Leuten des Patesi." „In den Garten der Mutter des Armen drang der Priester ein, die Bäume riß er an sich, *) Obgleich der Gegenstand dieser Darsteliung kein jüdischer ist, schien sie uns ihrer Gesinnung nach in unsere Zeitschrift zu gehören. (Anm. d. Red.) nahm weg die Früchte." „Wenn ein Toter in das Grab gelegt wurde, nahm als sein Teil der (Beamte) 3 Urnen Bier, 80 Brote, ein Böckchen, ein Bett; 30 Maß Korn nahm der (andere Beamte) für sich; ein Maß von . . . nahm die Priesterin." „Das Haus des Patesi und das Feld des Patesi, das Haremsgebäude und das Feld des Harems, das Kinderhaus und das Feld der Kinder, alles war aus dem Eigentum der Gottheit." „Im Gebiet Ningirsu's (des Gottes von Lagasch) bis zum Meere gab es überall Aufseher. Wenn ein Untertan des Königs auf einem hochgelegenen Felde einen Brunnen grub, so wohnte ein Aufseher bei dem Wasser. Und während er den Brunnen grub, wurde ihm Trinkwasser nicht gegeben. Leibeigenschaft bestand bisher." „Als aber Ningirsu das Königtum von Lagasch dem Urukagina verliehen hatte, hat dieser die Gesetze der Vorzeit wieder hergestellt. Von den Schiffen, den Eselherden, den Schafherden entfernte er die Vögte, von den Fischteichen die Fischereiaufseher, vom Korn die Speicheraufseher. Im Gebiete Ningirsu's bis zum Meere gab es keine Aufseher mehr." Er schonte auch die Großen nicht. „Im Hause des Patesi und im Felde des Patesi setzte er Ningirsu wieder ein. Im Haremshause und im Felde des Harems, im Kinderhause und im Felde der Kinder setzte er die Gottheit wieder ein." Diese Reform richtete sich sogar wohl gegen eigene Einkünfte, denn er dürfte selbst der „Patesi" gewesen sein. „An keinem Orte drang mehr der Priester in den Garten der Mutter des Armen ein. Das Frohnden der Arbeiter und der Handwerker hob er auf." Auch auf Reinheit der Sitten richtete er sein Augenmerk: „Die früheren Frauen waren ungestraft von zwei Männern besessen worden; die jetzigen Frauen werden in diesem Falle ins Gefängnis geworfen." Unerbittlich ging er gegen Erpressungen und Bestechlichkeit der Beamten vor und setzte Rechtssicherheit, auch für den Schwachen, an ihre Stelle. „Wenn der Sohn des Armen einen Fischteich anlegte, so raubte man ihm die Fische; und der Dieb wurde nicht bestraft. Wenn ein Mann sich von seiner Frau scheiden wollte, so nahm der Patesi für sich fünf Sekel Geld und der Minister nahm einen Sekel. Wenn ein Mann Öl preßte, so nahm der Patesi für sich fünf Sekel Geld, nahm der Minister einen Sekel, nahm der Priester einen Sekel. Jetzt dagegen: der Patesi, der Minister, der Priester, sie nehmen nichts mehr. Wenn der Sohn des Armen einen

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