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Der Jude · 1917-02-01 · Heft 11 (Februar 1917) · p. 780

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 11 (Februar 1917)
Article
Heine-Biographie
Date
1917-02-01
Page
780 (sequence 2)
Language
German
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78o Bemerkungen sein Werk der grandios verzerrte Ausdruck einer zertrümmerten Ghettowelt, der die europäische Luft nicht gut bekam, die zwar schnell genug gelernt, aber nicht schnell genug vergessen hat. Nicht der tausendjährige Schmerz eines zerstreuten Volkes, sondern die ganz besondere Verzweiflung losgelöster, sogar der schützenden Verbannung beraubter Individuen kommt hier zu Wort, denen auch das neue Ufer keinen neuen Tag verspricht, weil sie vom alten innerlich nicht los können. Es ist irreführend, in diesem Zusammenhang davon zu sprechen, daß Heine „keine Kindheit voll Anmut" gekannt und nur Menschen ohne Ideale, nur die „welken Reize der Synagoge" vor sich gesehen habe. Mit solchen Widerständen wäre er gewiß fertig geworden, es hätte ihn auch nicht gestört, durch seine Abstammung zu diesem Volk und dieser Synagoge zu gehören, wenn er eben nur durch seine Abstammung dazu gehört hätte. So harmlos darf dies Problem gewiß nicht aufgefaßt werden, als sei hier ein zu zart Besaiteter am stumpfen Widerstand der Welt zerbrochen, wie uns schlechte Apologeten immer wieder einreden wollen. In Heine selbst lebt der Herzschlag der Emanzipation, und die Geschichte seines Lebens muß die Leidensgeschichte dieser Epoche sein. Aber obgleich Fischer so aussichtsvoll ansetzt, obgleich seine Schrift, abgesehen von einigen sentimentalen literarischen Exkursen, an Heines gesamter Entwickelung immer wieder diesen Zusammenhang nachzuweisen sucht, ist sie doch nichts weniger als eine brauchbare Anregung, sondern im Gegenteil ein typisches Beispiel dafür, wie eine Heine-Biographie nicht aussehen darf. Er betrachtet nämlich das jüdische Blut ausschließlich als ein drückendes Erbe, „belastet mit materialistischer Sucht und fluchbeladener Unrast", und bedauert außerordentlich, daß Heine „die Emanzipation vom jüdischen Fleische", also die Flucht in den deutschen Kulturkreis nicht besser gelang, „die nur den Begnadeten zuteil wird". Als solchen Begnadeten stellt er diesem unheiligen Geist den Protestanten Friedrich Stahl entgegen, der den Weg vom Viehjuden zu germanischem Ehrgefühl und christlicher Demut wirklich innerlich vollzogen habe. Ja, er schwankt angesichts der Wallfahrt von Kevlaar allen Ernstes, ob ein für religiöse Symbole so empfänglicher Dichter nicht doch durch den Katholizismus zu retten gewesen wäre und sich dort von der Zerrissenheit seiner Seele endgültig erholt hätte. Ich will nicht untersuchen, mit welchem Recht er das jüdische Volk, von dem er doch nur einen Bruchteil, und auch den nur in jener bestimmten Epoche meinen kann, so summarisch verdammt. Wer das Katholischwerden als Kur für Heinesche Schmerzen verordnen kann, der zeigt ohnedies, wie wenig er zum Richter über Volksprobleme berufen ist. Es genügt, sich auf Heine selbst zu beschränken. Denn indem Fischer — übrigens nicht nur einmal — es so darstellt, als wäre Heine doch vielleicht noch durch größere Inbrunst, durch Selbstzucht, durch irgend welche Seelentherapie zu einer geschlossenen Leistung gelangt, wendet er das Nationale wieder ins Persönliche, und aus dem tragischen Symbol einer entgleisten Epoche wird wieder ein schlechter Musikant. Um solche Unterschiede zu empfinden, dazu bedarf es allerdings eines tieferen Gefühls für nationale Zusammenhänge, als dieses Buch zu vergeben hat. Es geht nicht an, das Genie von den Bedingtheiten der Abstammung zu befreien, wo diese Abstammung jüdisch ist, und dann auf die „bodenständige Art der Dichter des deutschen Waldes" zu verweisen, das Nationale also zu empfehlen, wenn es deutsch ist. Gerade das Genie braucht zu ungebrochener Auswirkung eine eindeutige, seine eigene nationale Grundlage, ja, es trägt die geistigen Züge seines Volkes und gibt dessen schlummernden Kräften mit einem Schlage zwingenden Ausdruck. Je bedeutender eine Persönlichkeit ist, um so mehr wird sich ihr Volk in ihr wiederfinden. Von hier aus muß eine Heine-Biographie, wie ich sie verstehe, diesen Vielumstrittenen zu begreifen suchen. Sie wird ihn nicht mit dem Untertitel „deutscher Jude" schmücken und gern auf den Nachweis verzichten, daß * er trotz alledem und alledem „ein echter deutscher Dichter war". Man entwertet sein Andenken, wenn man ihn den Dichtern eines in sich ruhenden Volkes zurechnet, von denen auch die Geringeren ihn an Gleichgewicht übertreffen. Er muß durchaus mit dem Maße seines eigenen Volkes gemessen werden, darin allein besteht seine „Rettung". Denn so allein zeigt sich, daß er nicht nur dem Zusammenhang mit einem instinktlos gewordenen Volk verfallen blieb, sondern gleichzeitig der genialische Ausdruck dieser Instinktlosigkeit gewesen ist. An ihm wird der Nachgeborene immer wieder die zerrüttete Seele jener Zeit erkennen, an ihm mehr als an jedem andern, weil er trotz seiner erstaunlichen Anpassung und seines weiten literarischen Gewissens doch einen Schimmer aus dem Lande Bimini empfangen hatte. Die „gnadereichenStunden", in denen ihm Vollkommenes gelang, beweisen

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