Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1917)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1917-02-01
- Page
- 759 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Arno Nadel: Jüdische Volkslieder 759 JÜDISCHE VOLKSLIEDER Liebeslieder 3- Das lange Lied von der unglücklichen Liebe. Das lange weinende Lied von der unglücklichen Liebe konnte nur im Ghetto entstehen. Ist doch der Boden schon ohnehin genügend aufgewühlt, ist doch ohnehin in ihm seit zweitausend Jahren die Blume der Tränen gepflanzt, — die zu allen Jahreszeiten ihre schwarzen Blüten hervorsprießen läßt. Da wird bei Festen und Feiern geweint, im Haus und im Tempel, bei der Geburt und beim Tod. Da leuchten die Gassen im traurigen Zwielicht, da weinen und reden die Wege von Gott und seinen Rätseln, da ist wenig Äußerliches und wenig Reichtum, da ist Ursprung, Alter und Ernst. Aber da ist auch Jugend und Liebe. Sonst wäre der Ernst, sonst wäre der Traum nicht. Eins fließt aus dem andern, ergänzt und schafft das andere. Da feiert denn auch die Liebe ihr Fest, die junge, traurige, ach so selige Liebe. Die Liebe ist tatsächlich neben dem religiösen Dienst, neben dem dauernden religiösen Denken, das die ganze Luft jener finsteren Gassen ausfüllt, das Fest des Ghetto. Das stille, heimliche Fest, das Fest der jungen Herzen, — das Spiel neben dem Ernst, das schönste, süßeste Spiel des sonst so nüchternen Ghettolebens. Hier heißt es denn auch mit Recht: man spielt eine Liebe. Vorerst sei gesagt, daß das Spiel der Liebe im Ghetto weit moralischer ist als sonstwo. Wie wenig ist von Verführung in den jüdischen Liebesliedern die Rede. Wie sind die Mädchen von ihren Müttern behütet, wie hüten sie sich selber vor Nachrede und Schande! Die tiefere Tugend ist da, möchte man sagen, zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber geküßt und geplaudert wird wie überall, und mehr als überall. ,,Spazieren, spazieren, sind wir gegangen" und „viel haben wir beide die Liebe durchgesprochen". Das eben ist das eigentliche Liebesspiel, das ist die Liebe des Ghetto, das den großen Städten gegenüber wie ewige, junge Heimat sich ausnimmt. Hier ist auch tatsächlich mehr Spiel und Kindlichkeit in der Liebe als sonstwo in der Welt. Der „Bocher" trifft sein Mädchen am Abend, in einer Seitengasse, im öffentlichen, menschenleeren Park. Das Mädchen ist gewöhnlich nicht allein, sondern mit der Freundin, mit der „Chawerte". Die Freundin hat natürlich ebenfalls ihren Verehrer, und so trennen sich die Paare, bis sie sich ängstlich und eilend wiederfinden. Denn vor den Müttern waren nur die Freundinnen beisammen. Sonnabend, nach der schönen schweren Mahlzeit, wenn die Alten sich ausruhen, geht man allerdings auch öffentlich aus, geputzt und erwartungsvoll. Oder man tanzt bei irgend jemand, der ein freieres, offenes Haus führt. Die Quadrillen und die anderen Tänze werden von allen mit den frischesten Stimmen dazu gesungen. Aber in den Ruhepausen singt man auch Lieder, eben unsere Lieder, und die verliebten Pärchen schauen heimlich einander an, — und die Burschen sind treulos oder auch die Mädchen. Da ist zunächst das folgende Spazierlied: es ist das Trauerlied eines verlassenen Mädchens. Obgleich ihr der Geliebte die ganze Welt versprochen, hat er dennoch jedes Weilchen und jeden Augenblick sich auch nach andern Mädchen umgesehn. Und er ist so falsch und frech, die Liebe auch nicht die Spur ernst zu nehmen: