Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Jüdische Ackerbaukolonien
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 708 (sequence 1)
- Language
- German
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DATEN UND MATERIALIEN Jüdische Ackerbaukolonien In dem Archiv für Wirtschaftsforschung im Orient erschien vor einiger Zeit als zweite außerordentliche Veröffentlichung ein Buch von Dr. Leon Schulmann, „Zur türkischen Agrarfrage", mit dem Untertitel „Palästina und die Fellachenwirtschaft". Der Verfasser hat sich insbesondere bemüht, die Wirtschaftsverhältnisse des Fellachen zu schildern und zu diesem Zweck eine Charakteristik der Landesverhältnisse gegeben. Neben einer ganzen Reihe richtiger Angaben enthält das Buch jedoch m. E. gewisse Unrichtigkeiten. Ich will hier nicht auf die etwas überraschenden Schlußfolgerungen Schulmanns eingehen, die ungefähr auf einen Zollschutz (!) der heimischen Landwirtschaft hinauslaufen, sondern nur auf einen Punkt, der mich als Kenner der Verhältnisse besonders überrascht. Es handelt sich um die Darstellung, die Schulmann von den jüdischen Ackerbaukolonien Palästinas gibt, und die er vergleichsweise zur Stützung seiner Behauptungen anführt. Im folgenden habe ich versucht, die Verhältnisse klarzulegen und zu zeigen, wie der Irrtum Schulmanns entstanden ist. Ein weitverbreiteter Irrtum, der besonders auch in neueren Veröffentlichungen über Palästina zum Ausdruck kommt, vor allen Dingen aber in dem Buche von Schulmann ist die angebliche Tatsache, daß jüdische ackerbautreibende Kolonien im Gegensatz zu den bekanntlich hochstehenden Pflanzungskolonien deshalb nicht rentieren, weil die Ernteerträge pro Hektar nicht viel höher sind als die der entsprechenden arabisch-feüachischen Betriebe. Diese Begründung halte ich für durchaus unrichtig. Die Rentabilitätsfrage der jüdischen Kolonien, vor allen Dingen aber der ackerbautreibenden, ist aufs engste verknüpft mit einer Regulierung der Steuerfrage, die infolge des Zehnten gerade hier am drückendsten wirkt, weil eben das Getreide, da lagerbar, leichter zu besteuern ist als die Pflanzungsprodukte oderdie leichtverderblichen und täglich abzusetzenden Erzeugnisse der Viehzucht. Hinzu kommt vor allen Dingen auch, daß die Ackerbaukolonien, die naturgemäß größere Flächen brauchen als die Pflanzungskolonien, verhältnismäßig wenige Familien umfassen und daher die Belastung durch die Gemeindesteuer für die einzelnen Kolonisten neben der Staatssteuer eine unerhört hohe ist. Diese beiden erwähnten Punkte sind vor allem für den relativ schlechteren Stand der ackerbautreibenden Kolonien verantwortlich zu machen. Zugleich enthalten diese Angaben bereits die Punkte, wo eine Reform einzusetzen hat. Ich lege deshalb großen Wert auf diese Feststellungen, weil sich leicht allgemein das Urteil festsetzt, als wenn der landwirtschaftliche Familienbetrieb in Palästina nicht rentabel sei, während ich ihn im Gegensatz zu genossenschaftlichem Großbetrieb nach den gemachten Erfahrungen für durchaus zukunftsreich halte. Um aber zu zeigen, wie vorsichtig man in der Beurteilung palästinensischer Verhältnisse sein muß, wenn man nicht zu offenbaren Trugschlüssen kommen will, möchte ich einige bezügliche Stellen aus dem Kapitel über den landwirtschaftlichen Betrieb der jüdischen Kolonien in Obergaliläa zum Abdruck bringen. Schulmann schreibt nach detaillierten Angaben über die Kolonie Rosch-Pinah, die, da er ein ausgesprochenes Mißerntejahr behandelt, absolut nicht typisch für die landwirtschaftliche Rentabilität dieser Kolonie ist, wie er fälschlich annimmt. „Also war der Ertrag nur ein 21/2(I)^acner mit Ausnahme der Mandeln" usw. (S. 75). Das ist natürlich ein anormaler Fall, und das übersieht Schulmann völlig. Das Normale in Palästina ist für die älteren jüdischen Kolonien für die verschiedenen Fruchtarten, Weizen, Gerste, Sesam, Sorgho, Bohnen usw., zusammen ein Durchschnittsertrag des Zehnfachen der Aussaat, wobei gewöhnlich die Ausfälle der Winterfrüchte