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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 707

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Jüdische Mären
Date
1917-01-01
Page
707 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Bemerkungen 707 dingter Vorherrschaft des sittlichen Grundgesetzes. Die geschlechtliche Hingabe, soweit sie nicht durch die Ehe geweiht ist, ist das Böse, die Sünde an sich; menschliche Verhältnisse, die an sie streifen, werden daneben mit verblüffender, für einen natürlichen Geschmack zuweilen ekelhafter Offenheit dargestellt (ich denke dabei besonders an eine Geschichte aus dem 10. Jahrhundert). Selbstgerechtigkeit kann hierbei nicht ausbleiben. Der Aufenthalt im Lehrhaus, die Beschäftigung mit der Lehre ist das Beste, was dem Menschen frommt, nicht ohne daÖ auch der einfache, ungelehrte Mann, der Gutes tut, zuweilen besonders gerühmt wird. Rabbi Akiba und Elia der Alte, der Fürst der Dämonen Asmodai und die Engel des Todes und der inneren Welt, Heilige und Sünder, edle Frauen und Dirnen erscheinen in bunter Verkettung. Den Gerechten wird das himmlische Hemd gewebt, eine Glorie, nur dem Wissenden erkennbar, umstrahlt ihn schon auf Erden, die Feuersäule Gottes senkt sich über sein Zelt. Allmählich, aber doch spätestens schon zur Zeit Josippons, dringt der Glaube an Zauberei und allerlei Orakelkünste ein, Spekulationen über das Leben im Himmel und die Welt der Engel und Dämonen beschäftigen immer tiefer den jüdischen Erzähler; im Grunde ist der Hang zu diesen Dingen doch schon früh vorhanden, und nur die Erzählerfreude wird an ihn geweckt.. (Die Personifikation des Traktats Chagiga ist wohl die eigentümlichste Erscheinung dieser religiös-gelehrten Anschauung.) Daß die chassidische Bewegung die Freude an der Buntheit des Lebens und seiner Wiedergabe gesteigert hätte, davon findet man hier überraschenderweise keine Spur, im Gegenteil verfallen die späteren Erzählungen — das ist ja die Gefahr aller sittlichen Einseitigkeit, der auch die Römer nicht entgingen — einer leeren und äußerlichen Allegorie. Es ist hier nicht der Ort, der Herkunft der einzelnen Motive nachzuspüren, so verlockend diese, übrigens kaum lösbare Aufgabe wäre. Wir danken Bin Gorion und der Übersetzerin ihre Arbeit nicht darum, weil sich in ihr ursprünglich jüdische Stoffe offenbarten, wenn auch diese hier nicht selten sind. Aber welche Stoffe immer in die Geschichten, vielleicht von den verschiedensten Zeiten und Völkern her, eingegangen sind, sie sind durch tausend Züge und die letzte Vereinheitlichung dem jüdisch-nationalen Leben angeeignet worden, und das ist das letzte, was sich von den Volkserzählungen irgendeiner Nation aussagen läßt. Und dann das zweite und vielleicht Wichtigere: wieder einmal empfinden wir hier, wie immer, wenn wir dem Juden vor der Zeit gebundenster Gesetzlichkeit nahekommen, wie stark unter der Hülle der Weisheit und des Gesetzes die Sehnsucht nach Schönheit, die Entdeckerfreude im Lande der Phantasie lebendig war, und wie spät erst der Mund verstummte, — ein trauriges Schicksal, an dem das Judentum unserer Jugend vielleicht am schwersten litt! — der uns die innere jüdische Welt in Farben und Gestalten zu beieben und zu bereichern suchte. Darum freuen wir uns der Märchen und Volkserzählungen dieses Buches vielleicht noch mehr als der Historien und Legenden: Jafth Elohim lejefeth wejiskon beohole Sem. Moses Calvary

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