Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Jüdische Mären
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 706 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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7o6 Bemerkungen Jüdische Mären Der Sünden meiner Jugend gedenke ich heute. Es mag fünfzehn oder zwanzig Jahre her sein, da saßen wir, ein Kreis junger Juden, beisammen und sprachen von der Not der jüdischen Jugend. „Jüdische Märchen brauchen wir für unsere Kinder, sie müssen in der Welt unserer Sitten, unseres Glaubens, unserer Vergangenheit so heimisch werden, wie wir es wurden im deutschen Märchenwald." Und es wurden Proben vorgeschlagen, Versuche gemacht, aus Bibel und jüdischem Leben und eigener Phantasie ein paar Erzählungen zusammengebraut» Es war ein unorganisches, künstliches ünd vielleicht kindliches Unterfangen, wie so vieles, was aus drängender Not und richtiger Erkenntnis und künstlerischer Unzulänglichkeit und, ach, so weltenweitem Fernesein von wahrhaft jüdischem Leben sich ergeben mußte. Denn diese Geschichten waren ja da, lebendig, gewachsen, und nun liegen sie in einem groß angelegten Unternehmen uns vor Augen, in Bin Gorions Born Judas, der auf sechs Bände berechnet ist, und von dem vor kurzem der erste Band, „Von Liebe und Treue", erschienen ist (in Leipzig im Inselverlag). Man mißverstehe mich nicht. Es handelt sich nicht um Kindergeschichten, sie können der Jugend so wenig in die Hand gegeben werden wie die ursprünglichen Fassungen der indischen und arabischen Märchen. Erst spät hat ja in Europa jene Entwicklung begonnen, die die Erzählungen, an der die Erwachsenen sich freuten, vielleicht unter dem Einfluß des Buches, des Kalenders, der Zeitungen schwinden ließ und sie in „Kinder- und Hausmärchen* * verwandelte. Ursprünglich, in Ägypten so gut wie in Indien und Arabien, gingen diese Erzählungen von Mund zu Mund, und noch heute soll es für den Orientalen kein größeres Vergnügen geben, als dem Erzähler zuzuhören. Bei uns hat Rabbi Nachman seine Geschichten für Erwachsene bestimmt, und noch vor fünfzig Jahren gab es im Ostjudentum diese lebendige Erzählung. Aber natürlich hat unser Volk des Buches auch schon früh angefangen, solche volkstümlichen Geschichten aufzuschreiben, selten in besonderen Geschichtenbüchern, sondern meist im Rahmen der gesetzlichen und erklärenden Literatur, und dieses Schrifttum von etwa anderthalb Jahrtausenden ist es, das hier gesammelt wird. Es ist nicht die erste derartige Sammlung, aber es ist die liebevollste, gelehrteste und dürfte die vollständigste werden. Eine Fundgrube jüdischer und jüdisch gewordener Stoffe für Eltern und Erzieher, die unserer Jugend aus ihr auswählen und erzählen können. Die Übersetzung Rahel Rambergs ist ruhig, rein und klar, ein wenig feierlich, von jener etwas nüancenlosen Farbigkeit des nachbiblischen hebräischen Schrifttums» Der eine Band genügt nicht, um ein wirkliches Bild dieser Welt abschließend zu zeichnen, es kann darum auch mit dem Sammler nicht gerechtet werden, wenn er in seiner Einleitung eine bestimmte Entwicklung darlegen zu dürfen glaubt: von breiten, halb historischen, heroischen Geschichten über knappe Legenden zu weisheitsvollen, in orientalischer Erzählerfreude ausgesponnenen Märchen, die allmählich von Zauber- und Wundermotiven umwuchert werden. Aber es scheint doch, bei allem Respekte, den die — besonders in den Noten niedergelegte — Gelehrsamkeit des Sammlers beanspruchen kann, als ob die Art der Quellen, die den Anteil der Verfasser, der ursprünglichen Entstehungszeit, der Überlieferung nur schwer erkennen läßt, ein solches Urteil über die literarische Entwicklung noch nicht ohne weiteres ermöglicht und Zweifel offen läßt. Es ist darum im Interesse weiterer Forschung zu begrüßen, daß in die Sammlung auch reichlich Varianten aufgenommen oder zitiert sind* freilich wird das Buch dadurch für den größeren Leserkreis weniger geeignet, und es wird einmal eine populäre Auswahl geboten erscheinen. So viele Jahrhunderte an diesen Geschichten gestaltet haben, im ganzen ist doch der Eindruck der Einheit ebenso stark wie der der Entwicklung: wir befinden uns durchaus in einer von der spezifisch jüdischen Religiosität eingehüllten Welt. Die sittliche Grundrichtung bildet die Kette des Gewebes. Wenig bloße Freude am Fabulieren, ja sogar, das ist besonders auffallend, wenig von jener in den gesetzlichen Schriften des jüdischen Mittelalters so ausgeprägten Dialektik, die das indische und arabische Märchen weit stärker erfüllt. Eigentümlich ist insbesondere die Stellung zu den geschlechtlichen Dingen, die gerade in diesem Band der Natur des Stoffes nach wohl stärker vorherrschen als in den noch zu erwartenden. Diese Probleme werden weder jemals humoristisch genommen, wie bei andern Völkern so häufig — stammt doch nach Goethe aller Witz ursprünglich aus der Betrachtung geschlechtlicher Vorgänge —, noch werden sie leidenschaftlich erörtert oder behaglich erzählt, sondern stets in seltsam ernster Sachlichkeit hingestellt unter unbe-