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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 704

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Modernität und Primitivität
Date
1917-01-01
Page
704 (sequence 3)
Language
German
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704 Bemerkungen jede Zielsetzung, die aus dem Zirkel, aus dem Göpel führt. Dieses ist der primitive Mensch. Und so sieht wieder der Ostjude seinen europäischen Bruder. Er empfindet ihn als primitiv. Denn er weiß: leicht, sehr leicht ist es dem Talmudjünger, Fabriks- oder Bankdirektor in Berlin W zu werden, wenn er seine Seele von Gott löst (und wir haben Beispiele genug) — aber schwer, sehr schwer dünkt es ihn, daß ein Bank- oder Fabriksdirektor aus Berlin W Gottes Stimme je vernähme und verstünde. Markus Reiner Ein Bialikbuch An dieser Stelle ist bereits von R. Salman (in Heft 7) die symptomatische Bedeutung gewürdigt worden, welche das jetzt in Palästina erscheinende Sammelbuch „Beschaa su" („In dieser Stunde") und besonders sein zweiter, Bialiks literarischem Jubiläum gewidmeter Band hat. Es sei hier nochmals auf diesen Band eingegangen und der Inhalt der wichtigsten Artikel referiert. Damit wird die in Heft 4 begonnene Reihe von Auszügen aus Bialikaufsätzen fortgeführt. Leider ist Bialik bei uns kaum mehr als dem Namen nach bekannt; die intensive literarische Kultur, die aus jedem seiner Worte spricht, seine gewaltige sprachschöpferische Kraft geht bei der Übersetzung notwendig verloren; und es müßte ein zweiter Bialik sein, der dem Pathos seines Herzens die Worte einer andern Sprache schenken könnte. Aber auch wer Bialik im Original lesen kann, wird erst durch eine so tief dringende Analyse von Bialiks Stil und Sprache, wie sie hier Lipschitz, Rabbinowicz und Brenner (selbst ein Dichter) gegeben haben^ erfahren, was Bialiks Schöpferkraft uns gab. Besonders das jüngere Geschlecht des hebräischen Publikums ist schon so sehr durch Bialik erzogen und hat so wenig Beziehungen zur vorigen Dichtergeneration, daß sie als selbstverständlich hinnimmt, was Produktion erstaunlichster Genialität ist. Bialik hat in einer vielbeachteten Einleitung zu Mendeles Werken als Hauptverdienst des „Alten" hingestellt, daß er einen hebräischen Prosastil geschaffen hat und dadurch seinen Nachfolgern eine Unsumme schöpferischer Energie erspart und frei gemacht hat. Nun: Was Bialik von Mendele sagt, gilt von ihm selbst. Er ist Schöpfer des neuen hebräischen poetischen Stils. Bis zu Bialiks Erscheinen kannte das hebräische Gedicht nur eine Sprache: die der Bibel. Das nachbiblische Hebräisch hatte kein Bürgerrecht in der hebräischen Poesie; noch Biaiiks großer Vorgänger, Juda Leb Gordon, war der Meister der Melizah, der biblischen Wortfügung. Es ist viel auf die Melizah geschimpft worden; Brenner nimmt Gordon in Schutz: wohl ist Gordons Sprachgut das überlieferte, aber seine Gedichte sind Kampfrufe und von der Leidenschaft des Dichters geht eine neue Kraft auf die alten Worte über, die abgeschliffenen Wendungen erhalten einen neuen prägnanten Sinn. Wenn nun Bialik hier dennoch die Schranken durchbrach, welche die Melizah dem Dichter zog, so werden wir die Ursache in einem ethischen Moment sehen dürfen: in seiner unbedingten Wahrhaftigkeit. Wahr ist auch Gordons Dichtung, aber sie ist doch nur politischer Kampfruf, Bialiks Wort ist innerste Herzensnot. Darum braucht er einen Ausdruck für die ganze Skala seiner Gefühle; hier gab es keine Anpassung an eine vorgegebene Sprache, das Gefühl schuf sich selbst sein Gewand. In der Sprache des Talmud fand Bialik Worte, deren Klang unverbraucht war, deren Bedeutung er noch gestalten konnte; und so finden wir in seinen Gedichten nachbiblische Worte als Träger des Haupttons. Die geniale Schöpferkraft des Dichters aber offenbarte sich erst darin, daß die früher durch tiefe Klüfte getrennten Sprachschichten bei ihm aufs innigste zu einer Sprache zusammenwuchsen. So hat er dem hebräischen Dichter ein ganzes Wörterbuch wiedergeschenkt, nicht durch künstliche Wortbildungen, die immer eine zweifelhafte Gabe sind, sondern dadurch, daß er vergessene, verfehmte Worte zum Ausdruck des modernen Gefühls umformte. Hier setzt der junge Bialik das Werk des alten Mendele fort, von dessen Prosa Rawnitzki sehr fein gesagt hat, daß aus ihr, der geschriebenen Prosa, das gesprochene Hebräisch von heute hervorging. (Wer Mühe hat, das reiche und schwere Hebräisch der großen Gedichte Bialiks zu lesen, der nehme das kleine Büchlein der Volksklieder, Schire am, zur Hand. Hier kann man — Lipschitz macht darauf aufmerksam — verfolgen, wie Bialiks sprachliche Schöpferkraft sich in einer andern Richtung offenbart: er ahmt den volkstümlichen Klang des Jiddischen nach, indem er ganz leichte und gangbare Worte wählt, sei es solche, die im Jiddischen selbst leben, sei es Worte aus den täglichen Gebeten; so kommt eine entzückend volkstümliche Weise zustande.) Ich kann nicht näher auf die Ausführungen

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