Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Modernität und Primitivität
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 703 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 703. formen, ja diese Tracht — mit einem Worte: diese Kulturlosigkeit. Oder wie Ludwig Rubiner sagt: „Die Ostjuden sind eine Gruppe von hilflosen Menschen."*) Und dies ist die allgemeine Empfindung, die der Europäer gegenüber diesen Asiaten oder Halbasiaten hat: „Eine primitive Bildungsstufe, gleichsam der stehengebliebene Mensch."**) Aber weshalb eigentlich hält sich der europäische (im übertragenen Sinne), der moderne Mensch für geistig fortgeschritten? Fassen wir alles zusammen, was man geneigt ist anzuführen, so erhalten wir die Formel: wegen seiner vollkommenen Durchdrungenheit von der Kategorie der Kausalität Historischer Materialismus, naturwissenschaftlicher Materialismus, Monismus, Nationalökonomie , wissenschaftlicher individualistisch-utilitaristischer Sozialismus, Naturwissenschaften überhaupt, Technik und vollständige Areligiosität: dies alles ist angewandte Kausalität. Aber Alleinherrschaft der Kausalität ist elementarste Primitivität, ist Bestialität. Der gesamte Inhalt des tierischen Intellekts erschöpft sich in Zeit, Raum und Kausalität. Das Tier glaubt nicht an Geister und Gespenster und macht sich keine Fetische: ebenso der moderne Mensch. Der Mensch allerdings hat das Vermögen der Begriffsbildung; doch ist dies nur eine zeitliche Brille, die seinen Kausalitätsverknüpfungen Kontinuität gibt. Dem Tier aber und dem kausalitätsbefangenen Menschen: beiden ist das Reich der Freiheit verschlossen. Freiheit ist dem modernen Menschen: Tun können was er will — die Freiheit des Tieres. Freiheit ist dem geistigen Menschen: Tun können was er nicht will. Unmittelbar, ohne jede Schlußkette, empfinde ich mich also unendlich primitiv gegenüber jedem Götzendiener, gegenüber jedem Gläubigen und Abergläubigen, gegenüber jedem, der seinen Geist von der Herrschaft des Satzes vom zureichenden Grunde befreit und seinem Willen aus freien Stücken eine Macht gesetzt hat. Der Feldwebel Simche Heller aus Mitoka-Dragomirna etwa, der während *) „Die Weißen Blätter", Juni 1916. **) Martin Buber: „Vom Geist des Judentums", S. 10. des ganzen Krieges, den er im Felde mitgemacht hat, nie Trefe gegessen hat und zweimal wöchentlich fastet. Wie primitiv ihm gegenüber ist etwa der Ingenieur X, der seine Maschine zu berechnen versteht und doch einer niedrigeren Stufe geistiger Entwicklung angehört — er mag intellektuell noch so viel höher stehen. Ja, weiß man denn nicht, wie primitiv die Denkart des technischen Menschen ist, ja welche Verkümmerung des Geistes dazu gehört, um ihn der Herrschaft eines technischen Militarismus zu unterwerfen?!*) Nur naive Selbstgefälligkeit kann glauben, 6000 Jahre geschichtlichen Daseins hätten das nicht vermocht, was wir in den letzten 100 Jahren in überstürztem Tempo vollbracht: die naturwissenschaftliche Erfassung der Geschehnisse und ihre Nutzanwendung in der Technik. Wäre dem so, man müßte dann an eine übernatürliche Erleuchtung glauben. Denn auch hierin macht die Natur keine Sprünge. Die Variationen unserer intellektuellen Kräfte sind ebenso endlich wie jene unserer körperlichen. Es gehörte nur eine andere Geistesrichtung dazu, um dem latenten Intellekt die Alleinherrschaft zu gewähren. Um eine Arbeit vollauf zu leisten, muß man sie wichtig nehmen. Es gehörte dazu, daß dem Menschen sein Komfort wichtiger werde als seiner Seele Seligkeit. Nur aus diesem Grunde hat das Mittelalter keine Eisenbahnen gebaut.**) Der Techniker, der Organisator ist jetzt im Kriege sehr im Ansehen gestiegen. Eine intensive Betriebsamkeit hat alles erfaßt, man organisiert und schafft und arbeitet und hat sich ungeheure Kräfte vor den Pflug gespannt. Doch weiß keiner, was hier gesät werden, was hier wachsen soll. Es ist die Betriebsamkeit der Ameise: eine Art von Besessenheit, kausal bis in die Elemente bestimmt, aber ohne *) Es bedarf wohl kaum der ausdrücklichen Erwähnung, daß hier nichts gegen den Beruf des Ingenieurs als solchen gesagt werden, etwa in dem banalen Streit zwischen Humanisten und Realisten Partei ergriffen werden soll. Der moderne Jurist und Arzt ist ebenso Techniker wie der Ingenieur. **) Man erkennt die revolutionierende Wirkung der geänderten Orientierung bei den Japanern. Der Orient hat solange keine Geschütze bauen können, als er nicht wollte. Jetzt, nach seinem Sündenfall, liefert er sie dem Okzident.