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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 702

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Eine Anklage
Date
1917-01-01
Page
702 (sequence 2)
Language
German
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702 Bemerkungen Empörung ob der an das Mittelalter erinnernden russischen Judenverfolgungen zu erheben. Es muß an dieser Stelle die schmähliche Tatsache festgenagelt werden, daß bis heute in der ganzen Schweiz keine einzige Protestversammlung gegen diese Greueltaten stattgefunden hat. Nun weiß man ja, daß die Schweiz immer ein Hort für solche Proteste war und auch während der Kriegszeit für derartige Manifestationen Sinn und Verständnis gewahrt hat. Es ist lediglich unsere eigene Schuld, daß von den vielen Kundgebungen und Protestversammlungen, die in der Schweiz während der Kriegszeit abgehalten wurden, keine einzige für uns eingetreten ist. Die allrussisch-jüdische sozialistische Studentenschaft, die sonst bekanntlich gegen jede „Verletzung der Freiheit" allzugerne und schon allzuoft im „Namen der Menschheit** zu protestieren gewohnt war, hat sich gegenüber den Leiden der russischen Juden teilnahmslos verhalten und fand es nicht für nötig, auch nur eine Studenten - Kundgebung zu veranstalten. Diese unwürdige Haltung der jüdischen „Freiheitskämpfer" ist vorwiegend von der Furcht beherrscht, man könnte die ausländischen russischen Juden eines Mangels an russischem Patriotismus bezichtigen. Auch die sonst rührige jüdische Arbeiter-Organisation „Der Bund** hat kläglich versagt. Es ist klar, daß das Ausbleiben jeder Kundgebung als ein Beweis dafür gelten mußte, daß gar keine Judenverfolgungen stattgefunden hätten, das heißt, daß der russische Botschafter mit seiner oben zitierten Erklärung recht hatte. Daß die Schweiz auch für uns Juden eine erfolgreiche Wirkungsstätte hätte werden können, beweisen die Ausgaben der „Edition Juive'* und des „Bulletin Juif** in Lausanne, die von einzelnen wenigen Personen in Angriff genommen wurden. So bescheiden auch diese Ausgaben sind, vermochten sie doch eine verhältnismäßig große Wirkung zu erzielen. Sie haben um so mehr Eindruck gemacht, als die Leser von den furchtbaren Judenverfolgungen in der Tat keine Ahnung hatten. Mitunter begegnete man einem gewissen Mißtrauen: Ist das möglich? Wäre dies wahr, so hätte doch die Presse darüber berichtet; so hätten ja die Juden, wie alle anderen „kleinen Völker**, in Versammlungen und in Aufrufen etwas davon verlauten lassen ... Man war überrascht. Was bedeuten aber diese Veröffentlichungen gegenüber der Informationsarbeit, die geleistet werden müßte und könnte? Nun besteht hier seit beinahe einem Jahre ein Komitee „Pro Causa Judaica*'. Es hat jedoch während der ganzen Zeit — mit Ausnahme der veröffentlichten Erklärung über seine Konstituierung — gar kein Lebenszeichen von sich gegeben. Warum? Diese kleine Frage ist in dieser Zeit eine schwerwiegende Anklage. In diesem Zusammenhang muß auch gesagt werden, daß in der Schweiz zugunsten der vom Kriege betroffenen Juden so gut wie gar nichts gesammelt worden ist. Eine nennenswerte Sammlung seitens einer Organisation hat überhaupt nicht stattgefunden. Es war Zufall, daß eine einzelne Person sich die Mühe nahm, eine private Kollektion zu veranstalten, die natürlich auch entsprechend ein bescheidenes Ergebnis hatte (etwa 10 ooo Frcs., während die Serben in der Schweiz ohne große Mühe 144000 Frcs. gesammelt haben); obgleich sich hier sehr viele wohlhabende russische und polnische Juden — darunter mehrere Millionäre — aufhalten. Es muß leider gesagt werden, daß man diesen Juden recht wenig den Volksschmerz ansieht. Wenn sie mitunter seufzen, so gilt es dem sinkenden Rubelkurs ... Jetzt, wo mehr als zwei Kriegs jähre verflossen sind, müssen wir die schwere Anklage erheben: Die Juden in der Schweiz haben gegenüber den Leiden der russischen Judenheit eine Indifferenz bekundet, die durch eine gewisse Ängstlichkeit zu erklären, aber keineswegs zu entschuldigen ist. J. K. Modernität und Primitivität Durch diesen Krieg, der wie ein Sturmwind Europa durcheinanderwirbelte, sind auch deutsche und polnische Juden wieder zusammengekommen. Zwei Brüder eines Stammes, die einander längere Zeit oder auch nur kurze Zeit nicht gesehen haben und einander doch nicht mehr verstehen. Der eine hat sich europäisiert — der andere ist der Östler geblieben inmitten anderer Völker, die größtenteils auch noch immer das sind, was der Westler „primitiv** nennt. Und der begreift es nicht: diese Indolenz gegenüber den offenbaren Segnungen seines Maschinenparadieses, diese hartnäckige Faulheit (wie er es nennt), diese Wirtschafts-

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