Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Eine Anklage
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 701 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Eine Anklage (Brief aus der Schweiz) Wenn die Weltlage es gestatten wird, das Verhalten der Juden in diesem Kriege vom national-jüdischen Standpunkte aus zu betrachten und zu bewerten, werden wir gar Trauriges und Schmähliches feststellen und gegen manche jüdische Körperschaften den schweren Vorwurf erheben müssen, daß sie unser Volk in seinen schwersten Zeiten im Stiche ließen. Ganz besonders wird diese Beschuldigung die Juden in den neutralen Ländern Europas belasten, und an erster Stelle wird in der Anklage die Schweiz figurieren müssen. Hier war der Boden für eine ersprießliche Tätigkeit gegeben, die in erster Linie bestrebt sein mußte, die öffentliche Meinung über die Judengreuel in Rußland zu unterrichten. Durch ihre zentrale Lage und ihre aufrichtige Neutralität ist die Schweiz für eine solche Aktion außerordentlich geeignet. Die demokratischfreiheitliche Gesinnung, die humanitären Traditionen des Schweizervolkes hätten uns die Aufgabe erleichtert. Wir hätten auch auf die Förderung und Mitarbeit einflußreicher nichtjüdischer Persönlichkeiten rechnen dürfen. Aber kein ernstlicher Versuch ist in dieser Richtung unsererseits gemacht worden. Vielmehr haben viele einflußreiche Juden alles zu verhindern gesucht, was irgendwie auf eine Bekanntmachung der Leiden unserer Brüder in Rußland hinzielte. Eine führende jüdische Persönlichkeit begründete diese Haltung folgendermaßen: Wir müssen bestrebt sein, daß man in der Presse von uns Juden so wenig als nur möglich spricht. Wird von den Judenverfolgungen berichtet, so wird hiermit nur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Existenz der Juden im Lande gelenkt und mithin der Antisemitismus wachgerufen. Mit anderen Worten: wir müssen als Juden inkognito leben und sollen daher alles vermeiden, was den Schleier des Inkognito lüften könnte. Somit ist nicht nur das Auftreten der Juden, sondern auch das Eintreten der Nichtjuden zu unseren Gunsten keineswegs wünschenswert. Selber schweigen und andere nicht von uns reden lassen, das soll die Richtschnur der jüdischen Politik sein. Daher konnte es kommen, daß die Schweizerpresse, die auch über geringfügige Detailfragen in den Dumasitzungen zu berichten wußte, von den großen eindrucksvollen Reden (Friedmanns, Miljukows, Maklakows, Tschechidzes, Kerenskis u. a. m.) über die russischen Judengreuel fast gar keine Notiz nahm. Daran ist die Presse nur wenig schuld, da ihr die Petersburger Telegraphen-Agentur jeden Bericht über diese Reden vorenthalten hat. Es wäre aber ein leichtes gewesen, die Veröffentlichung entsprechender Berichte zu veranlassen, aber niemand kümmerte sich darum. So durfte auch der russische Botschafter in der gesamten Schweizerpresse ein Telegramm des Inhalts verbreiten, daß kein einziger Jude aus Polen und Litauen von den russischen Behörden vertrieben oder als Geisel mitgenommen worden sei. Es muß hier festgestellt werden, daß auf dieses in der ganzen Presse veröffentlichte Telegramm des russischen Botschafters ein Dementi seitens der Juden nicht erfolgt ist. Daß dieser Botschafter die Unverfrorenheit besaß, die Vertreibung von ungefähr 350000 Juden mit einem Federstrich öffentlich wegzuleugnen, ist nur dadurch einigermaßen zu erklären, daß er die teils indifferente, teils furchtsame Haltung der Juden in den neutralen Ländern richtig einschätzte und sich daher diesen Spaß erlauben durfte, ohne befürchten zu müssen, von jüdischer Seite Lügen gestraft zu werden. Und er hat recht behalten und konnte sich zu diesem wohlgelungenen Streich gratulieren und ins Fäustchen lachen. Daß er recht behalten hat, ist unsere Schande! Den in der Schweiz zahlreich ansässigen ostjüdischen Elementen kann erst recht der Vorwurf nicht erspart bleiben} daß sie in Untätigkeit verharren und nichts unternehmen, um die Stimme des Volksschmerzes und der