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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 677

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Liberales Judentum im Vormärz
Date
1917-01-01
Page
677 (sequence 11)
Language
German
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Jakob Klatzkin: Grundlagen des Nationaljudentums 677 fühlen, als geschähe mir selber solche Zurücksetzung. Ich verachte jene elende Krämerei deutscher Volksvertreter, die nur für sich Gewerbefreiheit wollen und sich darüber streiten, ob auch ein Jude Seifensieder und Lichtzieher werden dürfe, und doch sollte ich selbst in ihren Fehler verfallen? Habe ich deshalb, weil ich selber kein Pole bin, minder warm für sie Partei genommen, oder habe ich es etwa nur der Juden wegen getan? Du müßtest mich gar nicht kennen, Küntzel, oder Du kannst es mit diesem Vorwurf nicht ernst meinen. Wir schmachten alle insgesamt in einem großen Gefängnisse; Ihr dürft darin fessellos umhergehen, während schwere Ketten mich und meine Glaubensgenossen an dem Boden festhalten, und — was uns am meisten kränkt, viele von Euch spotten noch über unser Unglück und freuen sich, daß es noch ärgere Sklaven gibt als sie. Ich gestehe Dir ein, es wäre mir lieb, meine Fesseln zu brechen und gleich Euch wenigstens in dem Gefängnisse mich bewegen zu können. Mit solcher Gleichstellung wäre aber immer noch wenig gewonnen; ob das Gefängnis weiter oder enger, die Fesseln schwerer oder leichter, ist nur ein geringer Unterschied für den, der nicht etwa nach der Bequemlichkeit, sondern nach Freiheit sich sehnt. Diese Freiheit aber kann nicht dem einzelnen zu teil werden; nur wir alle zusammen erlangen sie, oder keiner von uns: denn ein und derselbe Feind und aus gleicher Ursache hält uns gefangen, und nur allein die Zerstörung des Gefängnisses kann uns zum Ziel führen. Je schwerer gerade mich die Ketten drücken, desto inniger muß ich die Freiheit für alle wünschen. Der Tag des Kampfes rückt immer näher, darum laß uns einig sein und stark.... Zehlendorf Gustav Mayer GRUNDLAGEN DES NATIONALJUDENTUMS Zweites Kapitel Die Existenzfrage der Diaspora -Judenheit 4. Es ist ein Trugschluß und eiteler Trost, wenn man sagt: der Verfall der Religion sei nur Wegfall einer Hülle, und die Kraft der Nation erleide hiermit keine Einbuße. Erstens. Die Religion war uns im Galuth nicht Gewand, sondern tiefster Inhalt unseres Daseins. Hätte sich die Entwicklung des Judentums in den Normalgrenzen nationaler Attribute vollzogen, so wäre unser Bestand in Formen gefestigt und gesichert und nicht durch einen Inhalt als Existenzgrund bedingt. Auch hätten gar viele religiöse Formen nach Entwertung ihres Inhalts nicht ihre Geltung tot- Heren müssen; sie hätten sich in nationale und staatliche Lebensformen verwandelt. Der Sabbat, die Feste, die Freuden- und Trauertage, gewisse Gebote und Verbote, Rechtsnormen und Bräuche würden in einem territorialen Gemeinwesen national- Politische Sanktion erhalten und auch nach Schwinden ihres religiösen Ursprungs fortgelebt haben. . « Das der primären nationalen Formen entblößte Diasporajuden-

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