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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 642

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Ein Heldenbuch
Date
1917-01-01
Page
642 (sequence 2)
Language
German
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642 Martin Bub er: Ein Heldenbuch Der jüdische Held ist der, dessen Sache die des Geistes und dessen Widersache die der Gewalt ist. Ich meine nicht etwa den „Dulder", ich meine einen wahrhaften Kämpfer, und unter diesen Kämpfern haben die meisten, wo es galt, alle Kräfte des Leibes wie die der Seele eingesetzt und haben nicht mit erhobenen Händen allein sondern „mit der Schärfe des Schwertes" wider Amalek gestritten. Und dennoch gibt in der Art ihres Kampfes die Sache, für die sie streiten, sich leuchtend und erleuchtend kund. Ein Beispiel. Gideon zieht gegen die Midianiter und sein Heer lagert sich ihnen gegenüber. Da redet die Stimme zu ihm: es sei des Volkes um ihn zu viel; und er ruft aus, wer irgend Bangigkeit verspüre, solle umkehren; und es kehren viele um, zehntausend nur bleiben bei ihm. Aber auch dieser sind zuviel; eine tiefere Probe tut not, die Befragung einer tieferen Wirklichkeit als die ihr Bewußtsein umfaßt; so führt er sie ans Wasser und heißt sie trinken. Da lassen sich fast alle auf die Knie nieder und schlürfen gemächlich; dreihundert aber lecken das fließende Wasser in atemloser Eile auf, denn sie haben keine Zeit: der Geist, der sie besitzt, läßt ihnen keine Zeit zum Trinken, keine Zeit zum Atmen, ehe die Tat getan ist. Mit diesen Dreihundert besiegt Gideon die Midianiter; er hatte aber zuvor das Prinzip der Gewalt besiegt — durch kein anderes Mittel, als daß er das Prinzip des Geistes aufrichtete. Ein Sinnbild des jüdischen Helden ist David, der den Goliath schlägt; aber David dem König entgleitet dieses Heldentum. Hingegen ist da ein Alter, Barsilai, der mit all seiner Kraft und seinem Gut zum König hält, solange er auf der Flucht vor Absalom, solange er schwach und verfolgt ist; dem siegreichen David aber folgt er an den Hof nicht und weigert sich, den Lohn aus seiner Hand zu empfangen; seine Sinne seien nicht mehr jung genug, sagt er, um die Lustbarkeiten genießen zu können, aber wir fühlen: die Welt, darin das Recht erstritten wurde, war die seine, die Welt, darin der Erfolg gefeiert wird, geht ihn nichts mehr an. Wo ist in den Heldensagen der Völker seinesgleichen? Er wird nicht mit den Asen in Walhall zechen; aber Gott der Herr gibt ihm den herben Trank der reifen Einsamkeit zu kosten, den Trank des Geistes, der edler ist als der süße Met der gewaltübenden und gewaltlohnenden Götter. Ich nenne einige Wächter und Arbeiter, von denen das Gedenkbuch des neuen Judengeschlechts erzählt, jüdische Helden: weil sie die stolze Sache, der Europa und Amerika um Lohn dienen, die Gewaltsache der Scheinkultur, die alle Güter zu vergeben hat, verschmähten und sich der dürftigen, preisgegebenen, schier aussichtslosen Sache des werdenden Geistes, die auf der Flucht ist, zuwandten, sich zu ihr als zu der ihren entschlossen und sich in ihrem Dienst, als die Wenigen, die sich nicht auf die Knie niederlassen, das Wasser zu schlürfen, als die Vordersten, als die Einsamen bis ans Letzte bewährten, mit allen Kräften des Leibes kämpfend und doch jenseits des Gewaltreiches. Auch dies, auch dieser Schutz des Werdenden, des Auferstehenden gegen die Horden der Gewalt ist Krieg, wenn ihr es so nennen wollt; aber ein anderer, einer von urwesenhaft anderer Art. Lauschet in die hohe Stille über den galiläischen und judäischen Gräbern: so werdet ihr den Hall der Schofaroth anheben hören, vor denen Jericho fiel. Martin Buber

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